Die
Welt der Kapitäne
Echte
Kerle, Keipentresen und die raue See – ab sofort
erzählen jeden Freitag Kapitäne auf WELT ONLINE von ihren unglaublichsten
Geschichten auf See. Heute berichtet Heinz Götzie von
Stolz und Arbeitsethik der wilden Kerle. Und von einer ganz besonderen
"Marmeladenparty".
Ab
jetzt jeden Freitag auf WELT ONLINE: Die Welt der Kapitäne
Eines
vorweg: Fischdampferkapitäne sind schlimme Lügenbarone. Ich erinnere unzählige
Konversationen mit den Kollegen im Fanggebiet, bei denen man so gelangweilt wie
möglich ins Funkgerät murmelte. "Du, hier ist gar nix los. Wie ist denn
bei dir?" "Och, hier ist es auch sehr, sehr ruhig", kam als
Antwort zurück.
Dabei
hatte man Probleme, die prallen Netze überhaupt an Bord zu bekommen. Aber jeder
Kapitän war eben so gut wie sein letzter Fang, und jeder musste schauen, wo er
blieb. Den Druck des Reeders, mit einem vollen Kühlraum einlaufen zu müssen,
spürte man als Kapitän immer. Ein ganzes Leben lang hatte man auf den Job
hingearbeitet, und wenn es dann nicht gut lief, hörte man schon den Reeder
sagen: "Ach wissen Sie, nehmen Sie mal Urlaub, erholen Sie sich mal."
Davor hatte jeder Angst.
Ich
erinnere auch Fahrten, zum Beispiel auf Hering vor Island, die liefen so
unglaublich gut, dass es kaum vier Stunden dauerte, bis der Laderaum bis auf
den allerletzten Kubikzentimeter gefüllt war. Wir mussten die Netze
aufschneiden, weil sie so prall waren; einmal wären wir fast abgesoffen, weil
das Gewicht des Hols (so nennen wir den Fang) zu
schwer war. Wir hatten keinen Platz mehr für ein einziges Fischstäbchen. Ich
rief damals den Reeder an und sagte:
"Wir
kommen zurück. Wir sind voll."
Er
antwortete: "Wie, voll? Bis du bescheuert?"
Ich
erinnere andererseits, dass wir Jahre später mit einem anderen Dampfer zwischen
Island und der Insel Jan Mayen lagen und das Meer von
den Positionslichtern der russischen und ostdeutschen Fangfabriken hell
erleuchtet war. Das Wasser schimmerte in der Dunkelheit, wie eine Großstadt.
Ich
dachte damals: Wie lange kann das gut gehen? Spanier, Franzosen, Portugiesen,
Engländer, wir, alle mischten mit und fingen alles weg. Dabei vergaßen wir,
dass das Meer nicht unerschöpflich ist.
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Knackis
an Bord
Ende
der sechziger Jahre, als das Wirtschaftswunder auf allen Zylindern lief
und jeder Arbeit hatte, war es nicht immer leicht, überhaupt eine
Mannschaft zu finden. Fischer war ein ziemlich gefährlicher Beruf, Knochenarbeit
in der Kälte, wochenlang unterwegs auf hoher See – wer wollte diese
Arbeit schon machen? Es zog eine besondere Sorte Männer an, und wenn
es nicht genügend anzog, hielt der Peterwagen an der Pier und lud Gefängnisinsassen
aus, die an Abwechslung interessiert waren. |
Kapitän
Heinz Götzie
Meine
schwierigste Fahrt war mit dem Dampfer Glücksstadt, den ich auf drängende
Bitten des Reeders kurzfristig übernommen hatte, sehr kurzfristig. Wenige
Stunden, nachdem wir aus Kiel ausgelaufen waren, erfuhr ich von meinem Steuermann
auch, warum: Mein Vorgänger hatte sich aus Furcht vor dem wilden Haufen in
seiner Kammer eingeschlossen und war gar nicht mehr auf die Brücke gekommen.
Hunderte Flaschen Alkohol lagerten versteckt an Bord. Ich überlegte kurz, was
zu tun war. Dann rief ich den Reeder an:
"Hör
zu, ich drehe jetzt bei und komme zurück nach Kiel. Ich brauche in ein paar
Stunden zwölf neue Matratzen – und zwölf Mann neue Besatzung!"
"Ja,
aber", wandte er ein.
"Willst
du mit denen ’rausfahren? Na dann, bitte
schön!", schnauzte ich nur, mein Entschluss stand fest. Reiner Selbstschutz
– denn abgesehen von einer Menge Ärger, der anstand, wäre die Reise unter
diesen Umständen niemals erfolgreich verlaufen. Ich aber wäre meinen Ruf los
gewesen, und am Ende natürlich auch meinen Job. Weil ich ahnte, dass die
Mannschaft nicht begeistert auf den Kurswechsel reagieren würde, alarmierte ich
zur Sicherheit auch die Wasserschutzpolizei.
Ob
ich Angst hatte? Natürlich, ich hatte die Hose voll! Die Kunst aber ist, das
nicht zu zeigen. Die Tür zur Kammer musste, anders als bei meinem unglücklichen
Vorgänger, immer weit offen stehen. Tatsächlich kamen Mitglieder der Mannschaft
auf die Brücke und fragten aufgebracht, warum wir zurückliefen. Ich erklärte
ihnen äußerlich ganz ruhig, dass es eben die kürzeste Ausfahrt meiner Laufbahn
wäre. Wir mussten vor Kiel noch einmal kurz vor Anker gehen, bei zehn
Windstärken und einer eisigen Kälte.
Trotzdem
sprangen drei Männer über Bord, als sie das Boot der Wasserschutzpolizei
sahen, und versuchten trotz des Sturms, kraulend abzuhauen. Ich mochte gar
nicht wissen, was die alles auf dem Kerbholz hatten.
Auf
die richtige Mischung aus Nachsicht und Wahrung des Respekts kam es an, um sich
als Kapitän zu behaupten. Die Männer machten einen harten Job, bei jedem
Wetter, und wenn sie mal Gelegenheit hatten, den Druck abzulassen, durfte man
nicht zu streng mit ihnen sein. Ich weiß ja selbst, wie das ist, bei minus 20
Grad in der Barentssee 72 Stunden am Stück an Deck zu stehen, dann lernst du,
im Stehen zu schlafen.
Man
musste zu seiner Mannschaft halten, wenn die zum Beispiel in St. Pierre südlich
von Neufundland eine Kneipe auseinandergenommen
hatte. War wohl etwas heftiger gelaufen, denn die örtliche Polizei alarmierte
sogar die Nationalgarde. Die Jungs bekamen den Schaden der zerstörten Pinte
oder die Kaution von der Heuer abgezogen und fertig, der nächste Hol wartete.
Fischdampferleute suchen an manchen Tagen einen Grund zu Streiten. Das ist
einfach so. Meinungsverschiedenheiten mussten ausgearbeitet werden. Wenn es
keine Meinungsverschiedenheit gab, stimmte das Abendprogramm nicht, weshalb wir
in Seefahrerkreisen einen gewissen Ruf genießen.
Ziemlich
primitiv, aber ehrlich, das war in Ordnung. Was ich nicht leiden konnte, waren
Zuträger. Auf einer Reise hatte ich einen, der kam immer zu mir auf die Brücke.
"Herr Kapitän, wissen Sie eigentlich, was der über sie sagt?", und
dann bekam ich den neuesten Bordfunk zu hören. Das war mir alles scheißegal,
die sollten mich nicht lieben, ihr Respekt reichte mir. Der Zuträger bekam
direkt nach dem Löschen des Fangs seine Kündigung, so jemanden konnte man wegen
des Klimas an Bord nicht gebrauchen.
Wichtig
war aber, dass die Männer Befehle befolgten. Einmal war eine Geburtstagsparty
an Bord ziemlich aus dem Ruder
Schlagworte
Kapitäne auf See Orkanfahrt Seefahrt Eisberg Heinz Götzie Sturm
gelaufen und zu einer "Marmeladenparty" geworden. Man hatte aus der Kombüse die großen Marmeladendosen geholt und sich mit dem klebrigen Zeug beschmissen. Die Wände der Messe sahen aus wie ein sehr großes, aufgeklapptes Frühstücksbrötchen. Auf den Zustand der Sitzmöbel möchte ich nicht weiter eingehen. Ich sagte: "Toll gemacht Jungs, feine Party. In zwei Stunden komme ich hier noch mal rein, dann ist alles so, wie es mal war." Als ich zwei Stunden später auf einen Pott Kaffee vorbeisah, glänzte und duftete die Messe, als wäre Meister Proper mit seinen großen Brüdern zur Bestform aufgelaufen.
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Kapitän
Heinz Götzie wurde 1923 in Elchwinkel
an der Memel in Ostpreußen geboren. Weil ihm das Leben auf dem Bauernhof nicht
gefiel, lieh er sich Geld und schlug sich nach Hamburg durch. 1938 heuerte er
auf einem Kohledampfer an, der ins englische Hull fuhr – seine bislang schlimmste Reise, wie er sagt.
Fortan heuerte er nur noch auf Fischdampfern an. Im August 1953 machte Götzie sein Kapitänspatent. Er fuhr 44 Jahre lang fischen
und befehligte in dieser Zeit 32 Trawler. Götzie lebt
in Cuxhaven.
Nächste Woche lesen Sie:
Der zweite Teil unser Serie "Kapitäne auf See". Heinz Götze erzählt
über die besondere Einnahmequelle von Indianer-Fietje,
der Kollision mit einem Eisberg, und einem dauerbetrunkenem Koch.
Ankerherz Verlag
ISBN: 978-3-940138-00-2 / Preis: 29,90 €