Die Odyssee eines ehemaligen jungen Hochseefischers

Wohl die meisten Schulabgänger im ehemaligen Osten hatten Vorstellungen, was sie beruflich machen wollten, nachdem die Schule vorbei war. Für mich war es ähnlich, die Seefahrt hatte es mir angetan, obwohl in meiner  Familie noch niemand jeh zur See gefahren war. Man war damals ja auch überhäuft von Stellenanzeigen wie “Geh zur Trasse “  oder aber ”mit der Hochseefischerei zur See” und natürlich der Deutfracht  Seereederei, welche es mir besonders angetan hatte.

Mein Vater meinte aber damals ein Beruf an Land wäre erst einmal besser und so begann ich 1982 meine Lehre als Gießereimodellbauer bei der Giessag in Leipzig.  Aber schon während meines ersten Lehrjahres ging ich zu einem Vorstellungsgespräch bei der Deutfracht Seereederei. Das lief ganz gut , aber erst sollte ich die Armeezeit absolvieren.

Die Lehre war 1986 bestanden und im November ging es für 3 Jahre "zur Fahne". Das war  der einzige Weg, die Armeezeit schnell hinter mich zu bringen. Hier las ich alles über die Seefahrt, was ich in meine Häende bekommen konnte, unter anderem Landolf  Scherzers Buch “Faenger und Gefangene”, welches ich heute noch habe.

1988 bewarb ich mich offiziell bei der Deutfracht Seereederei, die Hoffnungen waren groß, aber die Situation hatte sich geändert, man brauchte keine Leute mehr.           Was nun?          Zur See wollte ich immer noch und so bewarb ich mich aus der Not heraus beim  VE-Fischfang Rostock. Der ganze Prozess dauerte fast ein Jahr, ärztliche Tests usw. und natürlich die Genehmigung des Seefahrtsbuches. Ich werde wohl niemals den Tag vergessen,als der Brief Anfang August an kam, daß ich 1989 anmustern darf. Am 25.August 1989 war die Entlassung von der Fahne und Anfang September war ich das erstemal auf dem Wege nach Rostock. Ironischer Weise nahm ich nun den selben Nachtzug mit dem ich zuvor immer nach Oranienburg zur Fahne zurück musste.

In Rostock mussten wir Neulinge, so etwa 30, erst einmal den Lehrgang zur Benutzung von Rettungsmitteln mitmachen. Gewohnt haben wir im" Haus der  Hochseefischer".  So manchen Abend, wenn wir abends in der Kneipe saßen, sahen wir die gestandenen Seeleute. Man fragte sich schon, ob man irgendwann mal dazugehört und wie es wirklich da draussen sein wird.  Eine Woche nach Beendigung des Lehrganges ging es auf zur ersten Reise.  Mit einer alten IL-18 ging es von Schönefeld nach Glasgow. Das erste was ich sah,  als wir aus dem Flughafen rauskamen, war ein altes britisches Taxi. Irgendwie schon unglaublich , wenn man überlegt, das ich zwei Wochen zuvor noch bei der Armee im Osten, also dem Gegener, gedient hatte.    

  Mit dem Bus ging es nach Ullapool. Wohl die meisten Hocheefischer sind dort gewesen. Später war ich noch öfter dort. Mein erstes Schiff war ROS 317 “Junge Garde”. Wenn man noch nie zuvor auf einem Dampfer war, ist das Ding schon riesig.Wir wurden mit einem kleinen Boot hinüber gebracht und sind dann das erste Mal eine wacklige Jacobsleiter hinaufgeklettert. So begann die erste Reise. Kurze Versammlung im Kinoraum, Aufteilung in die verschiedenen Kammern und die Ankündigung , das am nächsten Tag für die Reservisten, welche wir ja alle waren, die militärische Ausbildung beginnt.           WAS………?           Ich kam ja gerade von der Fahne, dachte hätte diesen Abschnitt hinter mich gelassen. Aber im “Ernstfall”wie es hieß, werden die Fischereifahrzeuge auch eingesetzt. 

Die ersten Tage in der Produktion waren schon hart und es dauerte eine Weile sich an den Rhythmus zu gewöhnen. Aber die Eingewöhnungszeit geht vorbei und dann gehört man halt dazu.Wenn ich heute zurück schaue auf mein Berufsleben, dann stimmt es schon , dass ich nirgendwo wieder so viel Kameradschaft und "Teamwork” kennengelernt habe, wie auf See. Ist es nicht das, was wir heute am meisten vermissen?

Auf verschiedenen Webpages habe ich in den Besucherbuechern gelesen, ”Würde es wieder tun” oder “ich vermisse diese Zeit” usw.  Zwischen 1989 – und 1991 habe ich einige Reisen gemacht , meist vor Schottland  oder auf Heringsfang vor der eigenen Tür. Aber irgendwann kam das "Aus", das Land hörte auf zu existieren und auch fuer Fiko kam das Aus.  Es blieben nur noch Erinnerungen und für mich die Frage , warum hat man das alles gemacht, um für eine so kurze Zeit diesen Job zu haben.

Wie immer kam das erwartete Telegramm im Herbst 1990 mit der Post. Auf zur nächsten Reise. Nach weiteren Erkundungen beim Fiko sollte diese Reise nach Walvisbay gehen als ATB Besatzungsmitglied auf ROS 337 "Ludwig Renn". Es sollte unsere letzte Reise werden. Die Besatzungsmitglieder von drei Supertrawlern trafen sich auf dem Flughafen in Berlin-Schönefeld. Wir besuchten erst einmal die damalige Otto Liliental-Bar. Unser Flug sollte wohl irgendwann früh um drei Uhr gehen,war ein Charterflug, genaue Abflugzeiten kannten wir selber nicht. Der Flug verzögerte sich dann auch um 12 Stunden, da irgendein Land (ich glaube Mozambique)  keine Überflugrechte erteilen wollte. So wurden wir auf verschiedene Hotels in Berlin aufgeteilt. Da kam schon Frust auf, nun noch da rumzuhängen, die meisten tranken wohl einfach die Nacht weg. Am nächsten Tag ging es dann per Airbus nach Windhoek. Irgendwann in der Nacht mussten wir noch Zwischenlanden und alle mussten aus dem Flieger raus. Bis heute weiss ich immer noch nicht, wo das war und warum wir dort landen mussten. Ich kann mich nur erinnern,das es ein kleiner Flughafen war, mit viel Militär. In Windhoek landeten wir den nächsten Morgen irgendwann im November, d.h.Sommer in Afrika. Mit dem “Bus” ging es dann nach Walvisbay, damals noch zu Südafrika gehörend. Der Busfahrer gab noch für jeden Passagier eine Cola aus, die fast kochte in der Hitze.       

  Erstmal auf dem Trawler ging die Reise richtig los.Der Fisch war gut und es  versprach eine gute Reise zu werden. Fuer mich war es auch das erste Mal Weihnachten und Neujahr auf See zu verbringen. Öfters kamen Transportschiffe längseits , um Fisch zu laden. Diese waren aber lokale Käufer und wir mussten beim Beladen helfen. Da das oft  unter Land gemacht wurde , saßen wir in unseren Pausen auf Deck und beobachteten das Getümmel an Land. Speziell mit dem Sonnenaufgang waren es oft tolle Motive.  Während dieser Reise erfuhren wir, das das Fiko dicht machen wird. Es war nun gewiss, dass der Traum zu Ende war und die Realität uns endlich eingeholt hatte.

Die Besatzugen wurden noch einmal getauscht. Alle Lehrlinge gingen auf die " Ludwig Renn“, welche noch auf dem Fangplatz verbleiben sollte oder aber die Ostküste Afrikas heimfahren sollte. Was genau entschieden wurde , weiss ich nicht, aber es ging darum, den Lehrlingen noch genug Zeit zu verschaffen, ihre  Ausbildung zu beenden.

Einige von uns machten somit Platz und tauschten die Plätze mit ROS 336 “ Hans Marchwitza”. Aber zuvor hatten wir noch einen letzten Landgang in Walvisbay. Wir besuchten die Seemansmission und wie üblich ein paar Kneipen. Die letzten Einkäufe wurden erledigt. Unter anderem auch bei einem deutsprachigem Juwellier in der Hauptstrasse. Ins Gespräch kommend erzählte ich ihm, das es unsere letzte Reise ist, warum und natürlich auch über die ungewisse Zukunft. Seine Antwort war eher überraschend, ”dann kommt doch her, man braucht hier immer gute Arbeiter”. Aber mehr wie ein müdes Lächeln hat er dafür wohl nicht bekommen.       

          

Mit der “Hans Marchwitza” ging es dann Richtung Heimat, die Westküste Afrikas hinauf mit einem 10-tägigen Zwischenstop in Lagos. Hier haben wir noch unsere Äquatortaufe erhalten. Die Fotos sind auch auf dieseWebseite. Da man ja eigentlich diese nur erhält, wenn man von der Nord- zur Südhalbkugel der Erde fährt, fuhr unser guter Kapitän erst einmal über den Äquator und drehte dann um, damit auch ja alles seine Richtigkeit hat. Für diejenigen, die solch eine Taufe schon mitgemacht haben , wird das sicherlich auch ein unvergessliches Erlebnis bleiben.

Der Zwischenstopp in Lagos dagegen war eher ernüchternd. Was haben wir da alles getauscht, für Seife oder Schuhcreme konnte man alles bekommen. Aber der blanke Polizeistaat. Man konnte vom Dampfer an Land gehen, aber zurück war nicht so einfach, man musste erstmal löhnen. Glücklicherweise fanden wir bald raus, das das nicht nur mit Geld geschehen muss. Die nahmen auch dankbar das überlagerte Bier aus dem Laderaum ab.

Von da aus ging es dann Ende Januar zurück nach Rostock. Es wurde jeden Tag kühler und irgendwann war dann Eis auf dem Schiff. Anfang Februar 1991 liefen wir  im Fiko ein , nach etwa 110 Tagen. Ich kann mich noch gut erinnern, als wir einliefen, dass viele Schiffe im Fischereihafen festgemacht hatten. Von der früheren Betriebsamkeit war nix mehr zu sehen.

Etwa 2 Wochen nach unserer Ankunft, ich war zu hause, kam der “Blaue Brief”. Der ist zwar nicht wirklich blau, hat aber dieselbe Wirkung. Ich war, wie viele andere auch, entlassen und wenn man wollte konnte man einen völlig unnützen Einwand erheben. Macht ja wenig Sinn, wenn die Firma dicht macht.  Arbeit zu finden zwei Jahre nach der Wende war ja nicht so schwer, aber Arbeit zu finden,  mit einem angemessenem Verdienst, ja das war kompliziert. Ich ging von einem Vorstellungsgespräch zum anderen und hatte schon bald das Gefühl, dass nur billige Arbeitskräfte gesucht werden. Dazu kam noch der Frust mit der Währungsumstellung, alles wofür man gearbeitet hatte, schien wertlos zu sein. Ich erneuerte auch noch mal mein Seetauglichkeitszeugnis, versuchte irgendwo  auf See unterzukommen, vergebens. Irgendwann, als die Decke anfing auf dem Kopf zu fallen, erinnerte ich mich an die Worte des Juwelliers in Windhoek. Vielleicht war diese Idee ja nicht so schlecht .

So schrieb ich einen Brief zum Worker Freight Service in Walvisbay und bat um Unterstützung. Aber Auswanderung läuft in Deutschland über das Rote Kreuz. So sprach ich da vor und bekam verschiedene Möglichkeiten aufgezeigt.  Südafrika war das neue Ziel. Man suchte damals qualifizierte Facharbeiter und die Regierung zahlte zu 66% die Umsiedlungskosten. Eine deutsche Arbeitsvermittlung konnte mir eine Stelle als Modellbauer (den ich ja gelernt hatte ) anbieten. Bei der Botschaft beantragte ich für meine Familie und mich eine Daueraufenthaltsgenehmigung. Das alles zu bekommen dauerte nur 6 Monate. Nur zum Vergleich, ein Seefahrtsbuch zu bekommen dauerte vorher etwa doppelt solange.

Ja so ging es am 1.April 1992 ( das ist kein Scherz ) auf in einen neuen Lebensabschnitt. Alle Möbel waren verkauft und die letzten Tage verbrachten wir bei den Schwiegereltern. Mit einer Boing der SAA ging es über Johannesburg nach Port Elizabeth, einer am Indischen Ozean gelegemen Stadt.

Die ersten sechs Wochen verbrachten wir in einem Hotel. Die Firma, welche mich eingestellt hatte, bezahlte auch dieses und war dann auch behilflich bei der Wohnraumsuche in der Nähe unserer Niederlassung. Die alte Weisheit "aller Anfang ist schwer", trifft hier voll zu. Die ersten Jahre waren verdammt hart. Meine damalige Frau flog nach einem Jahr  mit unserem Sohn nach Deutschland  zu Besuch. Die Firma, die mich eingestellt hatte, machte auch bald wieder zu, aber ich fand schnell wieder Arbeit, deshalb konnte ich nicht nach Deutschland mitgehen. Auf die Rueckkehr meiner inzwischen Ex-Frau wartete ich vergebens. Meinen Sohn habe ich nie wieder gesehen.

   Ich lebe jetzt seit 13 Jahren in Südafrika. Und wenn auch der Anfang schwer war und ich viele Rückschläge hinnehmen musste, habe ich die Entscheidung nie bereut. Meinen Job musste ich aus der Not heraus noch öfter wechseln. Ich arbeitete auch 3 Jahre in einer Fleischerei, mal was ganz Neues und hatte nebenbei ein eigenes kleines Geschäft, in dem ich Möbel herstellte. Wenn man im Osten Deutschlands groß geworden ist, kann man sich schon durchbeissen. Seit fast 9 Jahren lebe ich jetzt in Kapstadt, bin wieder verheiratet und habe auch wieder eine Sohn. Sein Name ist Michael. Meine Frau arbeitet als Angestellte für eine Fischereifirma, so bin ich oft im Hafen. Die einlaufenden Schiffe kann man aber nicht vergleichen mit unseren Supertrawlern. Manchmal kommt ein russischer Trawler rein. Da kommt schon eher das Fernweh auf. Aber wenn ich nicht mit einem unserer Dampfer hier gewesen wäre, dann würde ich wohl heute nicht hier leben. 

Als ich Wilfried’s Webseite gefunden hatte und wir einige Mail’s gewechselt hatten, kam auch bald heraus , das er eine Reise nach Südafrika gebucht hatte.  So hatte ich die Gelegenheit ihn und seine Frau in Kapstadt kennenzulernen. Natürlich gab es viel zu erzählen, war es auch für mich das erste Mal, mit jemandem zu sprechen, der das Fiko kannte.Wir sind zwar zu völlig verschiedenen Zeiten gefahren, aber man staunt doch, wie vieles sich nicht geändert hatte über die Jahre hinweg. So kam auch in einem unserer Gespräche die Idee auf, mal alles aufzuschreiben. Schöne Erinnerungen an eine harte Arbeitszeit an Bord sind uns jedoch allen geblieben, ob es die Reisen nach Schottland oder Afrika sind oder nur die kurzen Tripps nach Holland (mit ROS 320 Evershagen), man gehörte letztendlich dazu. Aber auch solche Verrückheiten wie Fischauslieferung in Chemnitz als ATB und unter dem alten Netzboden die Herstellung von "Konsumgüter". Als Produktion wurden dort "Rollos" hergestellt. Auch das gehörte zum Arbeitsleben eines Hochseefischers solange er kein Schiff hatte.

Anmerkungen des Webmasters:

Als Steffen in Südafrika einreiste, gab es noch die "Apartheit", jetzt wird bei der Arbeitsplatzvergabe die schwarze Bevölkerung bevorzugt, wenn deren Voraussetzungen gleichwertig oder ähnlich sind.

Steffen hat in seiner bescheidenen Art vergessen zu erwähnen, dass er inzwischen ein Ingenieurstudium in SA abgeschlossen hat und im Management seiner Firma leitend in der Entwicklungsabteilung tätig ist. Er kann auch inzwischen ein eigenes Haus mit kleinem Pool in einer sicheren Wohngegend sein eigen nennen.