Es ist der 8. Oktober 1980. Ich befinde mich auf dem Supertrawler ROS 334 "Eduard Claudius" des Fischkombinates Rostock, einem Fang- und Verarbeitungsschiff der Hochseefischerei der DDR im Atlantischen Ozean, mehr als 12 Seemeilen entfernt, vor der Küste Mauretaniens/Nordwestafrika.
Es ist meine zweite Seereise als Schiffsärztin. Das Besatzungskollektiv,
dem ich angehöre, hat kein Stammschiff. „Zigeuner der Meere“ nennen sich
die langjährig erfahrenen Seeleute. ATB - Austauschbesatzung heißen
sie offiziell. Wir übernehmen während einer Reise von ca. 3 Monaten mindestens
4 dieser Schiffe. Die Stammbesatzungen gehen in die Freizeit. Gehen ist
natürlich nicht der Ausdruck für den Weg in die Heimat. Fliegen in die Freizeit
wäre die richtige Bezeichnung. Denn während die Schiffe vor Ort bleiben,
erfolgt der Besatzungsaustausch mit der Interflug.
Am 1. August begann unsere Reise. Wir sind auf unserem letzten Schiff. Seit
dem 2. Oktober warten wir auf die Verlängerung der Fanglizenzen. Ohne diese
darf in dem 200-Seemeilen-Gebiet nicht gefischt werden. Die Fischerei wird
eingestellt und wir werden diesen Fangplatz verlassen. Wohin? Wissen wir
noch nicht.
Von dieser Veränderung ist die gesamte vor Mauretanien konzentrierte Fischereiflotte
der DDR betroffen: 4 Supertrawler, 1 Großschiff die „Junge Garde“, das nur
Fischverarbeitung betreibt, und 5 Zubringertrawler, kurz Spezies genannt,
die für das Großschiff die Fische fangen.
In dieser Zeit, wo wir treiben und der Fischfang ruht, kommt das KTS (Kühl-
und Transportschiff) „Lichtenhagen“ längsseits. Es übernimmt hier vor Ort
den größten Teil der Frostware aus unseren vollen Laderäumen. Wir erhalten
Kartonage und warten auf den Tanker. Die "Neftogorsk" bebunkert uns mit
ausreichend DK (Dieselkraftstoff), für mich Gelegenheit, mit den Offizieren
des Tankers ein paar Worte in Russisch zu wechseln und die Kraftstoffübergabe
kommandomäßig zu begleiten.
Am 11. Oktober wissen wir wohin wir sollen – nach Namibia. Auf diesem neuen Kurs dampfen wir dem Äquator entgegen, bevor wir unser Ziel erreichen. Das bedeutet, eine Äquatortaufe steht uns bevor.
Bei der Überfahrt bleibt genügend Zeit um mit Feutel und Pinsel klar
Schiff zu machen, notwendige Reparaturen an Deck und in der Maschine durchzuführen
und die bevorstehende Äquatortaufe allseitig und ausgiebig zu erörtern.
Die Zahl derer, die diesem Ereignis mit offenkundiger oder verdeckter Skepsis
entgegen sehen, wurde täglich größer. Wer seinen Taufschein nicht am Mann
hatte, wurde gnadenlos auf die Liste gesetzt. Die bereits in diesen Taufhandlungen
Erfahrenen machten sich ein Mordsgaudi aus der Unwissenheit der Täuflinge.
Überall hörte man „Bist Du schon?“, „Hast Du mit?“, „Erzähl mal wie geit
dat?“, „Was kostet ein Freikauf?“ Die Antworten gingen von den sanftesten
Beruhigungen, wie: „Du bist doch wohl kein Schlappschwanz?“, „Wie zu Kolumbus
Zeiten, so schlimm ist es heute nicht mehr“, bis hin zu detaillierten Schilderungen
eigener überstandener schauriger Quälereien bei zeitweilig bedrohlichen
Taufhandlungen, die von unseren erfahrenen Seebären genüsslich nickend,
mit Glanz in den Augen, und einem leichten Schmunzeln, bestätigt und von
den Ungetauften, wohl zweifelnd, aber doch mit Respekt und einem Schauer
von Ungewissheit angehört wurden.
Da unter den zu Taufenden viele nicht an der Küste wohnende Landratten waren
gab es fast ausschließlich nur ein Gesprächsthema: „Hannemann geh Du voran“
und „wie blamiere ich mich am wenigsten“. In der verbleibenden Zeit wuchs
die aufkommende und sich ausbreitende Ungewissheit gewaltig an. Die
Tage waren angefüllt mit organisatorischen Vorbereitungen für das Fest bei
den einen, und bei den anderen mit einem Wechselbad von Gefühlen wie Mannesmut,
Erwägung einer großzügigen Spende an Neptun und dem Gefühl, warum musste
ich nur auf dieser Reise dabei sein, hätte ich nicht zu Hause bleiben können.
Ich hatte weder Angst noch wollte ich mich freikaufen, was mir mehrere
Besatzungsmitglieder empfahlen. Ich könnte ja vielleicht Schaden nehmen.
Was würde dann aus ihnen? Mein Vertrauen, dass keiner ernsthaft Schaden
nehmen würde blieb ungebrochen. Es hatte allerdings den Hintergrund, dass
die Bedingungen für die Taufe in der Schiffsleitung ausgehandelt wurden,
und da hatte ich ein Wort mitzureden. Wer sollte ein Interesse daran haben
fast ein Drittel der Schiffsbesatzung dienstunfähig zu taufen, denn soviel
ungetaufte Häupter wurden inzwischen gezählt.
Bevor wir auf unserer Route nach Namibia den Äquator erreichten wurde in
der Schiffsbücherei eifrig nach entsprechender aufklärender Fachliteratur
gesucht.
Es waren tolle Geschichten, die unsere erfahrenen Seeleute, wie beispielsweise
unser Bootsmann Orje oder Holger, der Bestmann, je nach Lage der Dinge,
entweder nach dem Genuss der nötigen Prozente oder nach Sympathie für die
Zuhörer - flunkernd, tiefernst unter dem Siegel der Verschwiegenheit, von
sich gaben. So wurde der Tag der Äquatorüberquerung von der gesamten Besatzung
mit Spannung erwartet. Die Putzlumpen wurden auf Brauchbares für Neptun
und seine Mannen durchsucht. Rezepte für feste und flüssige Nahrung erdacht,
verworfen und um eine Nuance schärfer, pfeffriger, salziger oder einfach
scheußlicher wieder neu aufgelegt. Mein Vorrat an Binden, Verbandsmull,
Holzspateln und anderen entbehrlichen Dingen schmolz beträchtlich zusammen.
Das Aufregendste war die Anfertigung der Kostüme für Neptun und seine Meerjungfrau:.
Perücke aus entflochtenem Netzgarn in Zwiebelschalen gefärbt, rosa Schlüpfer
in Form von Liebestötern aus den Putzlumpen und darüber ein Gewand aus Netzmaschengewebe,
das nach Art einer römischen Toga auf einer Schulter mit einem Stück Tau
zusammengehalten wurde. Eine der Stewardessen hatte ihre Pumps geopfert
in denen die Meerjungfrau, völlig untypisch infolge des fehlenden Fischunterleibs,
große Mühe hatte, einen meerjungfräulichen, graziösen Gang auf die Planken
des Arbeitsdecks hinzulegen.
Neptun bekam eine goldene Krone, einen Bart aus aufgedrehtem Tauwerk und
ein Netzmaschenhemd. Die Standfestigkeit der neptunschen Beine wurde
durch klosett-deckelgroße, den Füßen nachgebildete, Stücke aus Seehundfell,
gewaltig verstärkt. Außerdem war er mit Zepter und Dreizack bewaffnet.
Der 17. Oktober 1980, der Tag der Äquatortaufe brach an. Das Arbeitsdeck,
auf dem sonst die vollen Schleppnetze ihren Inhalt in die Bunker entleerten
oder lagerten, wenn die Beute reichlich war, hatten sich in einen Parcours
für die Täuflinge verwandelt, dessen Hindernisse in einem großen Badebassin
gefüllt mit undefinierbarer rosa Brühe, einem Foltertisch mit Arm- und Beinfesseln,
einer Netzschleuse deren Anfang und Ende aus je einem Rettungsring besteht
und einem Thron für Neptun bestanden Die Festdekoration – ein Netzhimmel
aus rosa gefärbten Bojen und buntfarbenen Flaggen.
Der Himmel war stark bewölkt und es hatte leicht aufgebrist. Für den Äquator
war es zu kalt. Kurz vor 9 Uhr kam die erste Durchsage: "Wir sind drei Meilen
vom Äquator entfernt, dann zwei Meilen eine Meile, eine halbe Meile und
dann ertönte das Typhon. Alle nicht diensttuenden Besatzungsmitglieder versammelten
sich auf dem Bootsdeck.
Neptun (Bootsmann) und sein Gefolge, die Seejungfrau, die ich vorher eingekleidet
und geschminkt habe – Hänschen W., seine Gardia Brutal, ( Matrosen und Produktionsarbeiter),
sein Barbier - Toni und dessen Gehilfe – Rainer M., sein Astrologe - Biermann,
sein Theologe –
Lippert, sein Medicus - Peter S. und sein Tributeintreiber - Porescha bauen sich vor dem Kapitän, der inzwischen auf dem Arbeitsdeck erschienen ist, auf und verlangen die Übergabe des Schiffes.
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Feundliche Übergabe
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Gardia Brutal
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Der Kapitän übergibt nun nach seemännischem Brauch die Gewalt über das Schiff an Neptun:
„Neptun, Herrscher über alle Meere – Seen – Flüsse – Bäche – Teiche
– Tümpel und sonstige Rinnsale, grüßt Euch, ihr fahrenden
Zigeuner.
He, Alter! Was willst Du mit Deinem Wurstwagen hier am Äquator, hier in
meinem Reich? Hast Du eine Lizenz zum Verlassen der nördlichen Halbkugel
mit Deiner branntwein- und wodkasaufenden Horte? Meine Gesellen haben erfahren,
dass sich bei Dir an Bord noch ungetaufte Heiden befinden. Doch bevor ich und
meine Gesellen, die Regierungsgeschäfte über diesen abgetakelten Fischtrog
übernehmen, müssen wir uns mit einem kräftigen Schluck Branntwein stärken.
Nun werde ich Dir mein Gefolge, alles mir treu ergebene Saufkumpane und
zu allem entschlossene Galgenvögel, vorstellen. Zu meiner Rechten,
die Jungfrau Clementine, Herrscherin über alle Meeresbusen und sonstigen
Ausbuchtungen, grobmaschig aber verführerisch, keifend und kratzbürstig.
Zu meiner Linken der Hofmarschall und Hauptmann meiner „Gardia Brutal“ mit
seinem Gefolge. einer gnadenloser als der andere, kräftig zuschlagend und
ohne Ausnahme einem jeden Eurer ungetauften stinkigen und schmutzigen Kumpane
austreibt: die Hurerei, den Trunk und sonstige Gelüste, Arbeitsscheu
und Feigheit, sie befreit von Plattfüßigkeit, Schlitzohrigkeit, Fresssucht,
Fettleibigkeit und Impotenz. Wehe dem, der sich auflehnt und widersetzt.
Gnadenlos und mit brachialer Gewalt wird die Truppe zuschlagen und so manchen
feisten Arsch in ein rohes Beefsteak verwandeln
Mit im Gefolge ist mein neuer Astrologe, der Euch sehen lässt, wo Ihr Armleuchter
den Äquator überfahren werdet.
Ein weiteres Mitglied meiner Garde ist der Medicus Chirurgicus mit eigenem
Friedhof. Seine Aufgabe, Euch durchseuchtes Pack auf Tauglichkeit zu untersuchen
und zu desinfizieren. Er wird Euch zeigen, mit welchen Mitteln Eure versauten
Figuren zu kurieren sind.
Als nächster im Bunde mein gotteslästernder Priester Theologe Dr. Ambrosius.
Bei ihm könnt Ihr Euch offen zu Euren Sünden bekennen und auf Knien um eine
Seelenwäsche bitten. Mit dem exquisiten und reichlich bemessenen unseligen
Abendmahl sei Euch verziehen Eure Vielweiberei, Mord, Totschlag, Raffgier
und der Brandwein-Schmuggel.
Mein Notarius Viertelpfennig wird seinen Tribut fordern. Nach dem Motto
die Seele in den Himmel springt, sobald das Geld im Kasten klingt. Mit spitzer
Feder wird er notieren, was Ihr Heiden an geistigen Getränken ausspuckt.
Zwei weitere Gefolgsmänner sind der Barbier Kahlkopf, genannt Tony der Ohrendieb,
sowie sein Gehilfe Kalle der Rasierquastentechnologe. Sie werden Euch langmähniges,
verlaustes Gesindel die Simulierkugel von all dem angesammelten Schmutz
reinigen. Danach werdet Ihr durch den Schlund der Hölle kriechen. Dabei
wird Euch kein Wimmern und kein Zetern helfen.
Nach alledem werden meine chemischen Wäscher einen letzten Versuch unternehmen
Eure geschundenen Körper und Seelen zu reinigen.
Danach tretet hin Ihr Delinquenten, auf Knien zu Neptuns Füßen, um diese
inbrünstig zu küssen. Dort bekommt Ihr Euren Namen, mit dem Ihr berechtigt
seid den Äquator von nun an ständig zu überqueren. Doch nun genug geredet,
wir wollen endlich Taten sehen.“
Er und seine Meerjungfrau nehmen auf dem Thron Platz. Zur Säuberung vom
Schmutz der nördlichen Halbkugel werden die noch nicht getauften Delinquenten,
auch die, die ihre Urkunde vergessen haben, durch Neptuns Häscher ergriffen
und mit lautem Gebrüll und Tampenhieben in ein Verlies geschleppt.
Ich werde von zwei kräftigen Armen gepackt, den Niedergang heruntergezerrt,
verheddere mich in irgendwelchen Tauen, stürze, werde wieder aufgerichtet,
und weiter geht es ohne Verzögerung mit der gleichen Heftigkeit zur Sammelstelle.
Das Verlies ist die Werkstatt des Deckschlossers auf dem Arbeitsdeck, ohne
Bullauge. Mit höchstens zwei Zehen eines Beins hat jeder Täufling eine spürbare
Bodenhaftung. Sardinen in einer Büchse - die reinste Raumverschwendung.
Ich bin die Erste und eröffne zum Gaudi aller den Reigen. Ich habe mir vorgenommen,
nicht zimperlich zu sein und den Zuschauern nicht den Spaß zu verderben.
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Astrologe
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Der Astrologe nimmt sich meiner an und verspricht mir einen Blick
hinter die Kulissen des Weltalls mit seinem extra dafür gefertigten Fernrohr.
Gehorsam hebe ich das Glas an die Augen. Sie sind nicht in der Lage die
Wasserbäche zu fassen. Anstatt vollendeter Schönheit umgibt mich absolute
Dunkelheit. Keine Zeit, sich getäuscht zu fühlen, schon packen mich zwei
starke Arme der Gardia Brutal und treiben mich mit Tampenhieben zur nächsten
Prüfung.
Der Theologe besteht darauf, mir meine Sünden zu vergeben. Er scheint sie
besser als ich gekannt zu haben, denn ich muss eine große Kelle mit einer
scharfen aufwaschwasser-ähnlichen Brühe austrinken. Da ich infolge nicht
adäquater Schluckgeschwindigkeit den letzten Rest ausspucke, bekomme ich
mit salbungsvollen Worten in edler Großzügigkeit einen kräftigen Nachschlag.
Reingetrunken von den Sünden tauft er mich mit einer roten klebrigen Masse,
die er mir unter unchristlichen Flüchen und Verwünschungen für meine Zukunft
murmelnd über den Kopf gießt. Wieder sind meine kräftig tampenschwingenden
Helfer zu Stelle.
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Medicus
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Tributeintreiber
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Der Medicus kann es kaum erwarten, mich mit einem von mir ausrangierten
Stethoskop zu traktieren. Er prüft mit diesem Gerät den Gesundheitszustand
an Stellen an denen er bestimmt aussagefähige Ergebnisse erhält, z. B. den
Zustand der Rachenmandeln, indem er mir eine selbstgebackene, sicher nur
aus Salz, Pfeffer und Mehl bestehende, Oblate in den Mund schiebt und sie
mit einer Salzwasserdusche aus einer Blasenspritze anfeuchtet. Während ich
an diesem Genuss würge, verfügt der Medicus eine Behandlung nicht untersuchter
Körperteile auf meiner Rückseite. Nicht von ungefähr spielen Erbsen eine
Rolle für anregende Darmtätigkeit ob allerdings der Effekt auch bei äußerlicher
Anwendung, Einschütten derselben in den hinteren Badeanzugsausschnitt, Erfolg
hat, kann ich nicht sagen. Während hinten die Erbsen am Rücken entlang einen
Ausgang suchen geht vorn die Würgerei weiter. Die Oblate quillt und quillt.
Ob da vielleicht Trockenhefe verwandt wurde? Zur besseren Verdauung
spart man auch hier nicht mit Trinkbarem, es hat nur eine andere Farbe.
Der Geschmack ist genau so scheußlich.
Der Tributeintreiber verlangt einen Kniefall als Respekt vor seinem Herrn.
Ich will ihn milde stimmen und streichle seinen Bart mit meinen verschmierten
Hände. Das bringt mir einen Tampenhieb ein. Der Kniefall muss wiederholt
werden. Nun tut er auch noch so, als ob er schwerhörig sei. Bei aller Liebe,
die Vorbehandlungen lassen Widerspruch und laute Worte nicht mehr zu. Krächzend
und „freiwillig“ biete ich einen Kasten Bier für meine Freiheit.
Von oben arbeitet sich die rote Taufflüssigkeit über mein Gesicht herunter,
hinten läuft grüne Erbsenbrühe die Beine herab, ein fabelhaftes Gefühl.
Ich werde weiter gezerrt. Der Barbier und sein Gehilfe, erwarten mich mit
besonderer Freude. Mit Schwung werde ich auf seinen Tisch gehievt und an
Armen und Beinen gefesselt. Während der Bart, den ich nicht habe, mit einem
großen Pappmesser bearbeitet wird, bestreicht der Gehilfe meine Beine mit
schwarzer Schmiere. Wie es sich gehört, wird scharf nachgewaschen, mit Essigwasser.
Der Feuchtigkeit nicht genug, ein starker Wasserstrahl entfernt die Reste. Zum
Schluss wedelt eine Puderquaste voller Mehl über mein Gesicht.
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Barbier
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Häscher
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Blind wie ein Huhn, werde ich vom Tisch gezerrt und kriechend
durch die Netzschleuse gejagt. Die Mehlblindheit ist schnell weggespült.
Der Strahl aus zwei C-Rohren wird auf den Boden vor die Füße gehalten. Trotz
Tam-penhieben bleibe ich mit den Zehen in den Maschen hängen und stolpere
dem Ausgang zu.
Nun bin ich reif für ein Bad und werde in das mit einer rosafarbenen Flüssigkeit
gefüllte Badebassin geschubst. Ich bestehe auf einer gründlichen Säuberung
mit den kratzigen Besen oder Klobürsten. Die beiden Schergen lachen sich
nur eins - sicher gegen die Vorschrift und gehen sehr sanft mit
meiner schon arg geschundenen Haut um.
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Netzschleuse
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Seelenreinigung
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Der Höhepunkt naht. Gestoßen von zwei Piraten, werde ich Neptun vorgeführt.
Wieder muss ich auf die Knie fallen und sehe vor mir Neptuns Füße. Noch
nie sah ich solche Ungetüme durch Seehundfelle, deren Ursprungsjahr unbekannt
ist, mindestens auf Schuhgröße 56 vergrößert. Beide sind dick mit Pampe
bestrichen, rechts rosa, linke grün. Ein kräftiger Arm tunkt mein Gesicht,
fast bis zu den Ohren, erst in Rosa, dann in Grün. Mit der Erkundung der
geschmacklichen Beschaffenheit dieser Kleistermasse beschäftigt, überhöre
ich das Nennen meines Taufnamens. Ich war getauft, wurde entlassen und wusste
meinen Namen nicht.
Eine Stunde habe ich an mir und meinem Badeanzug gearbeitet, dann war ich
sauber, der Badeanzug nicht mehr zu gebrauchen. Das Bad erforderte eine
Vollreinigung.
Obwohl die mit keiner christlichen Taufe zu vereinbarenden Handlungen an
den Täuflingen zum Zeitpunkt des Erlebens teilweise unangenehm empfunden
wurden, hat keiner Schaden genommen. Meine ärztliche Hilfe wurde nicht gebraucht.
Der letzte Höhepunkt dieses Taufrituals begann am Nachmittag mit der Aushändigung
der Taufscheine. Die Verleihung des Taufnamens und die Urkunde
ging folgendermaßen vor sich. Neptun rammte seinen Dreizack mit lautem Knall
auf die Planken des Arbeitsdeckes und donnerte den Namen des Täuflings in
die versammelte Runde. Er forderte die Nennung des Taufnamens. In demütiger
Haltung, stehend mit entblößtem Haupt, hatte man zu antworten. Bei Übereinstimmung
überreichte er huldvoll die Urkunde. Wusste man seinen Namen nicht, schwang
Neptun das Zepter: "Knie nieder und sag an, was zahlst Du an mich und meine
Gesellen, wenn ich Dir Deinen Namen verrate?"
Ich gehörte wie schon erwähnt zu den Letzteren. Ich wollte aber nicht einfach
nur gehorchen und versuchte Neptun mitschuldig zu sprechen. "Neptun, dass
ich meinen Namen nicht gehört habe lag an der schmackhaften Pampe auf Deinen
Füßen und Deiner Zaghaftigkeit einer von den Reinwaschungsstrapazen
arg gebeutelten Seefrau ihren Taufnamen zuzubrüllen. Oder hast Du absichtlich
geflüstert?“ Das Gejohle ob des nun fälligen Tributs war groß. Mit einer
Flasche Schnaps konnte ich mir die Kenntnis meines Namens erkaufen. Fortan
habe ich das Recht, als „Aalmutter“* den Äquator zu überqueren.
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