Teil I Bernd Leverenz erzählt über sein Leben als Hochseefischer

 

"Es folgen sechs Jahre meines Lebens als Hochseefischer"

 

Wie alles begann

Als Rostocker Junge war es für mich selbstverständlich, eine Sportart zu betreiben, die direkt etwas mit Wasser zu tun hat. Im Sportclub EMPOR ROSTOCK wurde mir die Möglichkeit gewährt, auf einem 30 m² Kielboot den Segelsport zu erlernen. Dabei ging es nicht nur um das reine Segeln in Theorie und Praxis, sondern auch um den Umgang mit Draht- und Fasertauwerk, sowie das Erlernen der gebräuchlichsten Knoten und vor allem dem Spleißen. Den Segelsport habe ich 3 Jahre mit Freude betrieben.

Bis zu dem unseligen 13. August 1961 war es ohne Schwierigkeiten möglich, als Sportsegler nach kurzer Abmeldung bei den Grenzern am Alten Strom in Warnemünde, im 3sm Hoheitsgebiet der DDR die Ostsee zu besegeln.

Bei der Ausfahrt zu einem Wochenendturn vor Warnemünde kam aus dem Fischereihafen Marienehe der Trawler EISENACH  auf uns zu, drehte nach Backbord in Richtung Warnemünde ab und zog stolz an uns vorbei.

Dieser Anblick muß mich sehr tief bewegt haben, denn nach der Berufsausbildung als Bau- und Möbeltischler entschloß ich mich als Decksmann in der Flotte des Fiko's mein weiteres Berufsleben zu suchen .

Im Herbst des Jahres 1960 war dieses Vorhaben noch recht einfach, neben den üblichen Bewerbungsunterlagen benötigte ich jedoch noch von der Stadt Rostock eine Freigabe, um aus der bezirksgeleiteten Industrie und des Bauwesens in die Hochseefischerei wechseln zu können. Nach der Erteilung dieser Freigabe ging alles sehr schnell und ich war ab Mitte Januar 1961 bereits in der Flottenreserve. Ein Seefahrtsbuch hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

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Meine erste Reise auf Logger ROS 134 FÜNFJAHRPLAN


mit Kapitän: Bruno Hennig

Reise vom 11.02. bis 04.03.1961

Reisedauer 22 Tage

 

Am 10. Februar erhielt ich zum Feierabend in der Flottenreserve die Nachricht, dass für mich eine Musterung auf dem Logger ROS 134 als Decksmann vorgesehen ist. Wir waren den ganzen Tag mit dem Transport von Mauersteinen aus der Ziegelei in Papendorf beschäftigt, als mich diese Nachricht erreichte. Nun war es also soweit.

Noch am gleichen Tag habe ich im Depositenlager meine Arbeits- und Arbeitsschutzmittel erhalten . Am nächsten Morgen, dem 11.02., stand ich dann mit meinen persönlichen Sachen und dem gefüllten Seesack an der Pier und harrte der Dinge die da kommen sollten. Als erstes kam der Netzmacher und schnauzte mich an, was ich da rum stehe. Widerwillig zeigte er mir erst einmal meine Unterkunft und meine Koje an Bord. Da war ich jedoch schockiert, weil in der mir zugewiesenen Koje mein Vorgänger seine Klamotten liegen gelassen hat.

Das dreckige Bettzeug war auch noch aufgezogen. Er hatte nach seiner ersten Reise Hals über Kopf dem Fischkombinat die Hacken gezeigt und ist nicht mehr aufgetaucht. So blieb mir nur noch übrig, seine schmutzigen Klamotten in dem Bettlaken einzurollen, und im Depositenlager zu hinterlegen.

In der Arbeitskräftelenkung bekam ich einen Heuerschein für eine Behelfsmusterung, wahrscheinlich wollte man abwarten, welchen Eindruck die erste Reise auf mich machen würde. Nun gehörte ich plötzlich zur Besatzung eines Fischereifahrzeugs. Ob ich darauf stolz war weiß ich nicht mehr, auf jeden Fall waren es gemischte Gefühle.

Nun konnte ich mich an den Ausrüstungsarbeiten beteiligen. Es war unvorstellbar was so alles für eine Fangreise an Bord geschafft wurde. Fischereimaterial, Proviant, Getränke und Salzfässer bildeten einen Berg von Arbeit. Nach dem Ausrüsten liefen wir am späten Nachmittag zur Fangreise in die Nordsee aus. Die Arbeit war aber noch nicht zu Ende. Ich war als Tagelöhner eingesetzt, das bedeutete dass die Arbeiten bis in den späten Abend fortgeführt wurden. Während der Arbeiten waren gegen Abend immer wieder zwei bis drei Kollegen für jeweils eine halbe Stunde verschwunden, was das bedeutete wurde mir zum Feierabend klar, sie waren zum Abendessen. Nur ich wurde von niemandem aufgefordert mein Abendessen einzunehmen. So fiel ich dann hungrig und müde in meine Koje.

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Zum Frühstück begab ich mich in die Messe, auf meine Frage nach einem leeren Platz sagte einer – setz dich mal da hin – und griente dabei, wie alle anderen auch. Dann betrat der mir bereits bekannte Netzmacher die Messe und stellte fest, dass ich auf seinem Stammplatz saß. Das Gezeter will ich hier nicht wiedergeben. Erst als der dazu gekommene 1. Steuermann ein Machtwort sprach, gab der Netzmacher Ruhe.

Von dem Netzmacher hatte ich bereits jetzt die Nase voll. So kam es, dass der Netzmacher mich beauftragte in der Netzlast Stropps zu spleißen, dazu ging er mit mir in die Netzlast, zeigte mir einen fertigen Stropp sowie die 20m Rolle Dederontauwerk. Meine Frage nach wie viel Stropps brachte ihn dazu zu sagen : bis die Rolle leer ist.

Bei der Antwort konnte er sich vor lachen kaum halten, und hat den Leuten an Deck erzählt was der Neue für ein Blödmann ist. Vor dem Mittagessen kam ich mit den fertigen Stropps an Deck und löste bei ihm das blanke Entsetzen aus, nun mußte er das Gelächter seiner Kollegen ertragen und einen Anschiss über die Verschwendung von knappem Tauwerk vom Steuermann einstecken. Erst einmal ließen seine Boshaftigkeiten mir gegenüber nach.

Zurzeit während der pelagischen Heringsfischerei kann ich nicht mehr viel sagen. Schwere Arbeit beim Keschern mit dem Netzkescher, Aussetzen, Hieven und wenig Schlaf schalteten die Gedanken aus.

Bei einem schweren Schaden am pelagischen Netz liefen wir für die Netzreparatur den norwegischen Hafen Haugesund an. Dort ging ich an Bord Leinenwache und hatte Gelegenheit mir diese herrlich gelegene norwegische Hafenstadt anzusehen. Während dieser 4 Tage bekam ich den ersten Kontakt zu einigen meiner Kollegen.

Die pelagische Fischerei wird mit einem zweiten Logger, dem Tuckpartner ausgeführt. Beide Schiffe ziehen zusammen das Netz und lösen sich beim an Bord nehmen des Steerts gegenseitig ab. Da der Tuckpartner ebenfalls den Hafen anlaufen mußte, lernte ich Besatzungsmitglieder dieses Loggers - ERICH HONNECKER – kennen und empfand, es waren angenehme Kollegen. Nach abgeschlossener Reparatur liefen wir zum Fangplatz aus und  setzten die Fischerei fort.

Dann kam der Tag, an dem der letzte Hering an Deck lag und wir auf Heimreise gingen. Nun wurden die letzten Fässer gefüllt und das Deck aufgeklart. Bis auf die Brückenwache gingen alle in die Koje um richtig auszuschlafen Am nächsten Tag wurde Reinschiff gemacht, und sich von abgefischtem Netz und Tauwerk befreit. Dieses wurde einfach in der Nordsee entsorgt. Bei dieser Gelegenheit lag ein langer, mit gebrochenen Drähten, den so genannten Läusen, übersäter Hievstander an Deck. Er wurde durch das Sliphakenauge gesteckt und begann auszurauschen.

Bei diesem gefährlichen Vorgang forderte der Netzmacher mich auf, den Stander festzuhalten, was ich natürlich nicht tat. So eine Aufforderung hätte mir, als ich selber als Netzmacher bzw. Bestmann gefahren bin, bestimmt das Seefahrtsbuch gekostet.

Kurz vor dem Einlaufen in Rostock begann der Steuermann mit der Personalplanung für die nächste Reise. Mein Entschluß, nicht an Bord zu bleiben, löste bei ihm Unverständnis aus. Er war der Meinung, ich hätte mich gut in das Kollektiv eingelebt und solle doch bleiben. Er erklärte mir, dass er auf der übernächsten Reise den Logger wahrscheinlich als Kapitän übernehmen wird und mit geeigneten Kollegen eine neue Besatzungsstruktur für die Zukunft aufbauen wolle. Ob er dieses Vorhaben in die Tat umgesetzt hat, habe ich nie erfahren.

Diese erste Reise habe ich so ausführlich beschrieben um zu zeigen, wie schwer jeder Anfang ist. Insbesondere die erste Reise stellt die Weiche für die Zukunft, oder läßt den Traum von der Seefahrt platzen.

Ich jedenfalls habe den Logger FÜNFJAHRPLAN verlassen, jedoch nicht die Zukunft im Fischkombinat.

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