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Bernd Leverenz
ROS
309 "Bernhard Kellermann"
Der
lange Weg zum Netzmacher 1961 – 1966
Wenn
ich an meine ersten Reisen als Decksmann denke, ist mir vor
allem das wirre Durcheinander in meinen Händen während
des Haltens vom Netztuch bei Reparaturen in
Erinnerung geblieben. Da erntete ich fortwährend die wüstesten
Beschimpfungen. Ich konnte halten wie ich wollte, irgendwann
hatte ich, nachdem mir wieder einmal ruppig meine Dämlichkeit
mitgeteilt wurde, mich an einen Matrosen auf der STALINSTADT
gewandt. Er erklärte mir in aller Ruhe die Maschenstruktur,
aus der sich das Netztuch zusammenfügt. In der Folgezeit
hat er mich bei Reparaturen zu sich gerufen und ich habe ihm
dann das Netztuch gehalten. Nun hatte ich mich in die Technik
des Haltens hineingefunden und konnte nicht verstehen, warum
ich solche Schwierigkeiten damit haben konnte.
Es hat in der Folgezeit bis zur Musterung auf der B.BRECHT gedauert,
um jemanden zu finden, der mir den einfachsten Umgang mit Messer
und Nadel am Netz zeigte. Bis zu diesem Zeitpunkt waren mir
Begriffe wie Dreibein, Seitenmasche, Aufnehmer und volle Maschen
unbekannt. Heimlich, um von niemandem gesehen zu werden, begann
ich mit dem Ausschneiden von Sprungmaschen und strickte die
fehlenden Schenkel ein. So langsam wurden meine Aktivitäten
in Bezug auf die Löcher immer größer. Als Autodidakt
kamen dabei natürlich auch Maschen mit fünf Schenkeln
in meinen Versuchen ans Tageslicht. Endlich, nach vielen versteckten
Versuchen, konnte ich mit meinen Ergebnissen zufrieden sein.
Bis zu diesem Zeitpunkt war ich ja immer noch zum Netzhalten
verdammt. Während eines kurzen Aufdampfens zum Aussetzpunkt
entdeckte ich ein kleineres Loch im Flügel. Ohne an die
Folgen zu denken,
begann ich mich diesem Loch zu widmen.
Plötzlich
rief der 'Alte' mit lauter Stimme: ' Bernd, was machst Du denn
da, lass das den Netzmacher machen '. Nun war ich ertappt. Schnellen
Fußes kam er an Deck und schaute mir bei meiner Arbeit
zu, denn ich hatte die Arbeit nicht unterbrochen bzw. abgegeben.
Wie ich beim abschließenden Dreibein ankam und das Garn
abschnitt meinte er zu mir: ' Na, das hast Du ja richtig gemacht,
weiter so'. Dieser Ausspruch hat mich mit Genugtuung erfüllt.
Von dem Zeitpunkt an wurde es als selbstverständlich angesehen,
dass ich mich mit kleineren Netzarbeiten beschäftigt habe.
Auch
der Bestmann und der Netzmacher wurden aktiv, indem diese mir
das Laschen erklärten und die verschiedenen Ausführungen
zeigten. Mit der Zeit ging es mit den Reparaturen immer besser
von der Hand. Ich war bereits in der Lage, stark beschädigte
Netzteile wie Tunnel, Belly und Flügel einzusetzen, nachdem
ich diese in der Netzlast erkennen mußte, um diese an
Deck zu bringen. Ein Defizit war immer noch vorhanden, das Laschen.
Die Zeit verging wie im Fluge bis zum Frühjahr 1964, als
der 1. NO bemerkte, dass ich immer noch als Decksmann gemustert
war und ich daraufhin, wie bereits berichtet, zur Qualifizierung
geschickt wurde. Dort wurde, worüber ich besonders froh
war, mein Defizit beim Laschen beseitigt. In der folgenden Zeit
bis zum Herbst 1965 bin ich auf der KELLERMANN als Vollmatrose
gefahren.
In Abwesenheit des Windenfahrers wurde ich beauftragt die Netzwinde
zu fahren. Diese Aufgabe erforderte vollste Konzentration. Ich
habe einmal erlebt, wie in der Nebenschicht der Windenfahrer
die 50m-Marke übersehen hatte und die Bretter mit voller
Kraft vor das Heckportal hievte. Da die Bretter mit dem Steuerbordbrett
zuerst aus dem Wasser kamen, knallte erst das Steuerbordbrett
vor das Portal. Der ganze Dampfer hat gezittert und geklappert,
die solcherart belastete Kurrleine ist zum Glück nicht
gebrochen, und da die 50m-Marke nicht vom Windenfahrer ausgerufen
wurde, befand sich noch niemand am Heckportal.
Das folgende Gebrüll habe ich bis heute nicht vergessen.
Von da an habe ich noch mehr Aufmerksamkeit walten lassen. Im
Sommer des Jahres 1965 erhielt unser 'Alte', von einem Cuxhavener
Kapitän, die Geschirr- und Netzzeichnung eines 160Fuss-Netzes.
Auf dem Bootsdeck begannen wir dann damit, unser damals gebräuchliches
140Fuss-Netz nach den Maßen des 160er umzubauen. Mit diesem
Netz sind wir dann dem Rotbarsch mit sehr gutem Erfolg an den
Kragen gegangen. Eines Tages war dann dieses Netz verschlissen.
Wegen des aufwändigen Umbaus wurde auf einen neuerlichen
Netzumbau zum 160er verzichtet.
Als der bis dahin tätige Netzmacher der Brigade zu Beginn
des Jahres 1966 die KELLERMANN verlassen hat, wurde innerhalb
der Brigade und der nautischen Schiffsleitung entschieden, dass
auf die Neumusterung eines Netzmachers verzichtet wird. Statt
dessen sollte ich mit Beginn der nächsten Reise zum Netzmacher
umgemustert werden. So wurde ich zu meinem Erstaunen plötzlich
Netzmacher.
Hinterher habe ich mitbekommen, dass unser ehemaliger Netzmacher
in dieser Frage ein gewichtiges Wort eingelegt hat. Meine erste
Reise als Netzmacher war die bereits beschriebene Katastrophenreise
des Frühjahres 1966. Es war schon eine nicht zu unterschätzende
Umstellung für mich. In der Person des Bestmanns hatte
ich jedoch ebenfalls einen erfahrenen Netzmacher an der Seite.
Seine manchmal etwas grummelige Art kannte ich bereits von der
B.BRECHT. Ihm hatte ich es ebenfalls zu verdanken, dass ich
in einer relativ kurzen Zeit mein Wissen im Umgang mit dem Netztuch
festigen konnte. Ich will meinem folgenden Bericht nicht vorgreifen,
jedoch wurde es meine erste und letzte Reise als Netzmacher.
Das war jedoch nicht mein eigener Entschluß. Eigentlich
habe ich der Tätigkeit am Netz und als Netzmacher viel
Freude entgegengebracht und diese auch gerne ausgeführt.
Jedoch habe ich mit leichter Wehmut an die Zeit hinter der Winde
zurückgedacht.
Bei
der Netzreparatur während des Schleppens. Dem bei mir haltenden
Lehrling habe ich nicht, wie es bei mir geschah, mit der Nadel
auf die kalten Finger gehauen. Vor ärgerlichen
Worten war er jedoch nicht gefeit. Trotzdem hat er ganz gerne
bei mir das Netz
gehalten.
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