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Guntram
Suczek berichtet vom armen Hochseefischerdasein auf See in den 60-ziger
Anfangsjahren
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Ich möchte die Erinnerungen an die Flucht des Schiffsarztes mit einer anderen Geschichte, aber dem selben Schiff und selbigem Kapitän weiter erzählen. Ich weiß nicht mehr genau,ob sie sich vor ,oder nach dem Abgang des Arztes ereignet hat. Schließlich sind zwischenzeitlich mehr als 40 Jahre seit den Ereignissen vergangen. Ich versichere hier,dass ich ,wie alle anderen ordentlichen Fischersleute kein Tagebuch führte. Leichte Irritationen lassen sich daher nicht vermeiden. Aber auch in diesen Erinnerungen stimmen die Fakten.
Die Langzeitfolgen des schwarzgebrannten Fusels!Copyright by Guntram SuczekDieser unserer Kapitän ( wie hieß er denn noch ) kam aus dem Westen. Legenden seiner körperlichen und der anderen Kräfte kannte wohl jeder von uns. Unter anderem soll er seine Handschellen bei der Polizei in irgendeiner westdeutschen Hafenstadt zerbrochen haben .Bestimmt ist ein ehrlicher Jan Maat leichtgläubig. Aber diese Legenden waren aufregend. Als es hieß, dieser Kapitän kommt auf unser FVS, war die Neugierde natürlich groß. Eine stattliche Figur, groß, graumeliertes Haar rote Wangen und scheinbar die Ruhe selbst. Eine Persönlichkeit , die beinahe überirdisch wirkte. Sein Verhalten uns gegenüber war ohne Höhen und Tiefen, immer ruhig und ausgeglichen. Wie er sich seinen Offizieren gegenüber verhielt, haben wir natürlich nicht mitbekommen. Die Reise, auf der sich meine Geschichte abspielt, war sehr lang. Entweder hatten wir geleichtert, oder unser Kapitän hatte einfach kein Glück. Schlimm ist es dann für den Seemann , wenn die harten Sachen ausgegangen sind. Wir haben so wie so nie zu viel bekommen, denn der Alte musste jede „ Granate“ persönlich genehmigen. Aber wo nichts ist ,braucht er auch nichts genehmigen. Aber gesammelte Erfahrungen aus einer langen Fahrenszeit wiesen uns einen Ausweg. Wir hatten an Bord einen guten Bootsmann, einen typischen deutschen Handwerker. Ich weiß nicht mehr wie, aber wir brachten ihn auf unsere Seite. Und das gegen seine guten Vorsätze. Er baute für uns in seiner Bootsmannslast einen funktionierenden Destillierapparat,ohne Zeichnung und ohne TÜ. Der Bootsmann ( Horst Bauer )hatte wirklich goldene Hände. Die Grundstoffe zu besorgen war für uns doch nicht schwer. Keiner in der Kombüse hat es gemerkt. Nachschlagewerke zu diesem Prozess gab es in der Bordbücherei nicht, irgend jemand von den Offizieren oder gar den Alten zu fragen verbot sich von selbst. Aber irgendwie haben wir es hinbekommen. Je länger es gluckerte, desto durstiger wurden wir . Erfahrungswerte lagen nicht vor, also wurde das Zeug ohne zu filtern und noch sehr warm getrunken. Hier möchte ich einwenden, in meiner späteren Tätigkeit beim Bau der Erdgastrasse im Ural, musste ich mach mal den scheußlichsten Selbstgebrannten trinken. Im Vergleich zu unserem an Bord gebrannten schmeckte der aber wie Weinbrand Edel. Die Wirkung nach dem Genuss in der Bootsmannslast war ungeheuer . Keinem Hochseefischern muss ich hier an der Stelle erklären, wie wir unsere Wache an Deck angetreten haben. Bei unserem Wachantritt wurde gerade gehievt, ich war Windenfahrer. Auf Details der Schilderung torkelnder Männer an Deck kann ich wohl verzichten. Eigentlich hätte der II.NO auf der Trawlbrücke Wache haben müssen. Den hätten wir vielleicht noch von eventuellen Auswirkungen bei Alkoholentzugserscheinungen überzeugen können ( bildeten wir uns in unserem Zustand beim gegenseitigen Mutmachen ein ). Der II.NO steht doch zwischen Baum und Borke. Plötzlich brüllte der Deckslautsprecher auf. Eine eiskalte ,schneidende Stimme befahl : Genosse Suczek kommen sie sofort auf die Brücke. Noch nie hat ein Kapitän mich mit so einer Anrede ausgezeichnet. Vorname und „du“waren Umgangssprache. Ich wollte noch zur Trawlbrücke hoch rufen, warum gerade ich. Gut das ich mir das noch verkneifen konnte. Mir war hundeelend, nicht nur wegen des Fusels. Und jetzt kommt wieder einer der Charakterzüge des Alten zum Wirken. Er beorderte mich von der Brücke in seine Kammer. Dort hat er mich ohne Zeugen aber rund gemacht. Aus heutiger Sicht ist es immer noch erstaunlich,wie viel Paragraphen des Seerechtes, der Schiffsordnung und der Statuten der Partei er auswendig kannte und gegen die ich verstoßen habe. Er hatte bestimmt recht, aber mein Kopf tat so weh. Irgendwie habe ich das überstanden. Es war seine unnachamliche Art, mich völlig auseinander zu nehmen, aber mich dann selbst wieder zusammen bauen zu lassen, ohne mir den Strick zu drehen, der manchmal üblich war. Ich habe es ihm bis heute nicht vergessen. Ich könnte hier die Erinnerung beenden,aber sie ist nicht zu Ende. Einige Jahre später,wurde ich zu einem 5 monatigem Lehrgang delegiert. Am 1.Tag hätte es mich fast umgehauen. Wer nimmt in der hintersten Reihe neben mir Platz. Mein damaliger“Gottseibeiuns“. Mehrere Dinge waren mir im ersten Moment peinlich .Obwohl die Anrede auf dem Lehrgang das persönliche „ du“ als selbstverständlich galt, eierte ich beinahe bei ihm in der 3.Person rum. .Das hat er gleich abgeklärt. Er stand , nicht zuletzt wegen seiner großen Lebenserfahrung, in dem Lehrgang über einigen Dingen. Als Beispiel möchte ich nur anführen, nach dem Mittagessen mussten wir mit der Tagespresse Selbststudium betreiben. Er natürlich auch , tat es aber auf seine Art und Weise. Die große Tageszeitung ordentlich geöffnet und vor dem Gesicht ausgebreitet. Dahinter die Augen fest geschlossen und den Mund leicht geöffnet. Mit Zeigerschlag 13.30 Uhr beendete er schlagartig seine Presseschau, obwohl der Lektor bereits schon längere Zeit sich vorne abmühte. Und jetzt kommt eigentlich das Erlebnis mit ihm,welches mich fast umgehauen hätte. Natürlich habe ich nach geraumer Zeit mal seine moralische Demontage meiner Person an Bord angesprochen. Da kam wieder dieses feine ,wissende Lächeln in seinem Gesicht zum Ausdruck als er sagte, ich war so wütend damals , dass ihr mir nichts abgegeben habt, denn er hatte selbst nichts mehr. Es entwickelte sich in den 5 Monaten zwischen mir und ihm ein vertrauensvolles Verhältnis, welches aber nie an Kumpelhaftigkeit heranreichte. Es war aus meiner Sicht auch gegenseitiges Vertrauen, denn er half mir in einer persönlich schwierigen Situation, wo andere aus Angst vor Strafe die Hände gehoben hätten. Nach dem Lehrgang verlor ich ihn zu meinem Bedauern aus den Augen. Ich hörte später und das wurde mir auch in der jetzigen Zeit von einem Bekannten bestätigt, besagter Kapitän wäre zur Reederei gegangen und hätte dort auch Achtung und Respekt erhalten. Meiner persönlichen Meinung nach, lag ihm am Fahren bei der Seereederei eventuell mehr,als bei uns. Eigentlich verständlich , wenn man weiß, welchen Ärger ihm manche Hochseefischer bereitet haben.
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