Hein Mück meint : "Es gibt nicht nur schöne Erinnerungen"

 

"Freizeit an Bord und ein Kartenspiel mit ungeahnten Folgen"

 

Mit diesem Beitrag möchte ich auf ein Gesicht des Umgangs mit den Kollegen der Flotte durch den Zoll hinweisen.

Rechtsbeugung ohne Chance für den Unschuldigen ist eine Form der Diktatur und nicht der Demokratie. Nach dem Lesen kann jeder selbst entscheiden ob das Erlebte als ' schönste Zeit des Lebens ' oder als unvergessliche Schikane in mir weiterlebte. Für mich gibt es so eine Lobduselei nicht.

Auch mit dem Abstand von 45 Jahren zu dem Geschehenen habe ich mir gute und schlechte Erlebnisse bewahrt. Warum immer nur die Sonnenseiten veröffentlichen, auch die Schattenseiten sind erwähnenswert und sollen nicht vergessen werden.


Alle Ehemaligen wissen, dass in der Zeit der Ausreise genug Freizeit während der Wachen bzw. des Arbeitstages als Tagelöhner an Deck zur Verfügung standen. Diese Freizeit konnte mit den unterschiedlichsten Beschäftigungen ausgefüllt werden. Das viel beschriebene Teppichknüpfen war 1963 noch nicht in Mode gekommen und so blieben die altbekannten Dinge wie Filme ansehen, ein Bordfest, nie enden wollende Versammlungen aller Art, ein Skatturnier und was weiß ich noch alles an der Tagesordnung.

Alle diese beschriebenen Unternehmungen fanden im größerem Rahmen hauptsächlich in der Mannschaftsmesse statt. Ich habe zu dieser Zeit mich mit einem Modell der BERTOLT BRECHT beschäftigt. Da ich einen guten Draht zu den Baaderschlossern und den Meistern der Verarbeitung hatte, konnte ich die Werkstatt der Verarbeitung nutzen und benutzen. Es war abzusehen, dass ich mehrere Reisen am Modell arbeiten würde. Des weiteren füllten noch das Lesen und hin und wieder das Skatspiel meine Freizeit aus. Das gesellige Leben mit Arbeitskollegen bei Bier und Wein kamen ebenfalls nicht zu kurz.

Plötzlich fanden sich, mich mit eingeschlossen, drei bis vier Kollegen zum Kartenspiel 'Siebzehn und Vier' zusammen. Ob das Spiel tatsächlich in der DDR verboten war wusste keiner von uns. Ein Verbot des Spiels mit dem Einsatz von Bargeld war uns jedoch verständlich und wurde in der Form auch nicht gespielt. * Es gab an Bord ja einen wunderbaren Ersatz in Form der zollfreien Zigaretten. Da wir im Grunde genommen fast alle geraucht haben war uns der Einsatz der Zigaretten legitim. Das einzige war, dass bei Spieleinsätzen um 20 Zigaretten am Ende der Reise schon eine etwas höhere Transitrechnung fällig wurde. Es war ja auch einfach, da Spirituosen sowie Wein und Bier streng limitiert waren, jedoch Zigaretten ohne Limit ausgegeben wurden.

Wenn geraucht wurde, waren es nicht gerade wenige Zigaretten am Tag. Da kamen während der langen Tage und Nächte der Fischerei schon 50 bis 60 Zigaretten pro Tag zusammen. Gedanken habe ich mir darüber, einschließlich der Spieleinsätze, nie gemacht. Jede Reise ging damals in Rostock zu Ende. Nach der Einklarierung durch die Grenz- und Zollorgane, bei der auch die Kammern mit den jeweiligen Besatzungsmitgliedern gefilzt wurden hieß es Klamotten schnappen, die Heuer sicher einstecken, Seefahrtsbuch entgegennehmen sowie eine volle und eine angefangene Schachtel Zigaretten in die Tasche und ab von Bord in die Freizeit. Wenn Pech im Verzug war konnte der Zoll beim Verlassen des Kombinats uns noch einmal richtig auseinander nehmen. Dieser Gefahr mit den weiteren Folgen wollte sich kaum jemand aussetzen, auch ich nicht.

Am ersten Tag daheim wurden erst einmal unter anderem Zigaretten gekauft. Mitte 1963 gab es für das seefahrende Personal im Kombinat noch keine sogenannten Devisenscheine. Daher konnten wir uns keine Zigaretten im Shop des Stadthafens kaufen. Auch das unterschied uns von dem Fahrenden Personal der DSR.


Wieder war eine Reise vorbei, auf zu neuen Taten beim Ausrüsten der B. BRECHT und ein freudiges Gefühl im Bauch bestimmten den frühen Vormittag. Die neue Reise sollte ich als Matrose gemustert werden und damit wäre die Zeit als Decksmann für mich erst einmal vorbei.

Dieses war ein wichtiger Schritt, um im Laufe des Jahres das Facharbeiterzeugnis als Hochseefischer zu erlangen, denn knapp zwei Jahre Selbststudium lagen dann hinter mir und sollten ihren Abschluss finden.

Mitten in der Arbeit beim Stauen von Netzmaterial kam für mich die Weisung, wer mir diese überbrachte, ist mir nicht mehr bekannt, mich im Terrassencafé Zimmer – einzufinden. Natürlich ging ich davon aus, es wäre das Seefahrtsamt und staunte nicht einmal darüber, dass die Tür ohne Dienststellenhinweis versehen war. Irgendwie hatte ich plötzlich ein ungutes Gefühl. Da stand jemand in Uniform vor mir und bat mich Platz zu nehmen. Er gab sich mir gegenüber als Zollsekretär zu erkennen und hatte auf seinem Schreibtisch ein Schriftstück zu liegen, welches er in die Hand nahm. Nun begann er mir das Schriftstück zu verlesen in dem ich des Schmuggels von 500 unverzollten Zigaretten der Marke ORIENT beschuldigt wurde. Wie war es nur möglich, dass ich einer solchen Tat verdächtigt werden konnte.

Die Erklärung dazu war, dass bei einer Überprüfung des Transitbuches der B. BRECHT bei mir eine Menge von 500 Zigaretten über das tägliche Soll von 25 Zigaretten pro Tag festgestellt wurde. Ich traute meinen Ohren nicht, ich wurde einer Tat beschuldigt, die ich weder geplant noch begangen habe. Von einer solchen Zigarettenlimitierung habe ich noch nie gehört und auch bei meiner weiteren Fahrenszeit nichts dergleichen wahrgenommen.

Meine Gedanken und Empfindungen kann bestimmt nur jemand nachvollziehen, der etwas ähnliches erlebt hat.

Trotz aller Unschuldserklärungen meinerseits ließ der Mensch nicht davon ab mich als Täter zu bezichtigen und damit in eine seelische Zwangslage zu versetzen. Insgesamt habe ich in diesem Zimmer über sechs Stunden verbracht. Unterbrochen wurde das Verhör nur zur Mittagszeit, ich bekam während der Zeit einen Aufpasser in Uniform. Das ich eventuell auch bereits Hunger und Durst verspürte spielte keine Rolle. Im Gegenteil, unverblümt wurde ich zu einem Geständnis gedrängt, dann könnte ich ja gehen und etwas essen. Als der Zollsekretär während dieser langen Zeit bemerkte, dass ich bei meiner Verneinung blieb , begann er mir die weiteren Schritte seinerseits mitzuteilen. Diese würden mit einer Anklage vor Gericht und dem Entzug des Seefahrtsbuches fortgeführt werden. Nach dieser Ankündigung entschied ich, da mir bereits bekannt war wie schnell Kollegen ausgemustert wurden, mich mit einer Notlüge aus der Bedrängnis zu befreien. Diese bestand darin, dass ich ihm erklärte, die Zigaretten vor dem Einlaufen auf dem Dach des Hospitaldecks unter dem dortigen Bretterstapel versteckt zu haben um diese Zigaretten während der kommenden Reise zum eigenen Verbrauch an Bord einzusetzen. Als ich am Vormittag an Bord kam, habe ich jedoch festgestellt, dass die Zigaretten verschwunden waren. Wie sollte es auch anders sein, wo nichts war kann auch nichts verschwinden. Diese Erkenntnis behielt ich natürlich für mich.

Da ich während der Reise aus diesen Brettern Höhenscherbretter bauen sollte war es selbstverständlich, dass ich den derzeitigen Bretterbestand erfassen und in der Tischlerei ergänzen sollte. Aber da ist nun dieses Verhör zwischen gekommen. Es war kaum zu glauben, dieses erlogene Geständnis wurde nicht einmal überprüft. Zirka eine halbe Stunde später konnte ich das Vernehmungsprotokoll lesen. Erst einmal habe ich meine Unterschrift verweigert, da einige Passagen nicht dem tatsächlichen Verlauf des Verhörs entsprachen. Die Laune des Zollbeamten wurde immer schlechter. Richtig gehässig wurde er bei der Festlegung der Strafe gegen mich. Ich bekam eine Zahlungsaufforderung über 680 Mark . Diese Summe setzte sich aus aus einer Zollstrafe von 500 Mark für die Zigaretten und 180 Mark an Verhörkosten zusammen. Heute weiß ich nicht mehr, wo und wie ich die Summe eingezahlt habe. Diese Summe schleppt man ja nicht in der Hosentasche herum. Nun galt ich im Sinne der Gesetzgebung der DDR als vorbestraft.

Nach diesen aufregenden Stunden habe ich an Bord weiter mit ausgerüstet. Meine stundenlange Abwesenheit wurde von niemandem angesprochen. Da wir am folgenden Tag auslaufen sollten bin ich nach Feierabend zu meinen Eltern gefahren. Hier fand ich in meinen Eltern, dafür gibt es die eigene Familie, verständnisvolle Zuhörer. Sie fanden meine Notlüge nicht richtig, jedoch der erlebten Situation im Kombinat angemessen. Es blieb die Frage, wie konnte es dazu kommen, wurde ich von jemandem denunziert oder war etwas vollkommen anderes der Grund. Auf diese Fragen habe ich bis zum heutigen Tag keine Antwort gefunden. **


Am nächsten Morgen bin ich dann wieder ins Kombinat gefahren. Als ich im Bus des Nahverkehrs stand, entdeckte ich das mir seit gestern bekannte Gesicht des Zollsekretärs. Unsere Blicke begegneten sich, an der nächsten Haltestelle hat er den Bus verlassen. An der darauf folgenden Station bin ich ausgestiegen und habe auf den nächsten Bus gewartet. Meine Vermutung war richtig, der Mann war ebenfalls in dem Bus. Was mag in seinem Kopf vorgegangen sein, Scham oder Reue bestimmt nicht, wahrscheinlicher war wohl die Furcht vor einer Konfrontation. Ist auch egal !!

Gedanklich hatte ich mich bereits darauf vorbereitet, dass die B. BRECHT in Zukunft ohne mich auf den Fangplätzen unterwegs sein würde und die Seefahrt für mich beendet war. Wie die Leser dieses Berichtes ersehen können ist diese Befürchtung nicht eingetreten.


Mein Fazit ist, dass ich von dem Tag an Menschen in Zoll- und Polizeiuniform mit Misstrauen begegne und sich daran durch den Wechsel des Gesellschaftssystems nichts änderte.




* Anmerkung des Webmasters: Auf den Loggern wurde Anfang der 60er Jahre auch hart gepokert, die Geldeinsätze waren teils aus meiner Sicht beachtlich.
** Erklärung des Webmasters : Vermutlich wurden vom Zoll nach Abschluß einer Reise die Listen über den Verkauf von Transitware an Bord überprüft, um erhöhte Abkäufe zu erkennen und als Schmuggelware einzuordnen. Zigaretten sind kein normales Zahlungsmittel und deshalb wäre der tatsächliche Verbleib wahrscheinlich nicht strafbar gewesen.


 

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