Erinnerungen an meine Fahrenszeit

Erlebt und erzählt von Jörg Sauer

 

 

Über die Ostsee in die Freiheit

Leider, weiß ich heute nicht mehr genau, auf welchem Trawler ich mich zu jener Zeit gerade befand, als sich dieser Vorfall in der Ostsee ereignete. Aber ich glaube, so eine große Rolle spielt es nicht und ich erzähle einfach mal davon.

Mal fuhr ich auf ROS221"Brandenburg" und dann wieder ROS 223"Gera", ich pendelte immer zwischen diesen beiden Schiffen.

Da mir zu Beginn, meiner Armeezeit das Seefahrtsbuch abgenommen wurde und ich nach der Entlassung ein neues Seefahrtsbuch bekam, kann ich auch nicht mehr nach schauen, auf welchem Schiff ich zu dieser Zeit fuhr. Also auf jeden Fall, ging mal wieder eine schöne Freizeit, in der Heimat und mit meiner Familie zu Ende.

Wir hatten Anfang September, unsere Reise sollte uns in die Ostsee führen. Dort sollten wir den Plattfisch jagen, unser Dampfer lag im alten Hafenbecken und wartete darauf mit allerlei schönen Sachen gefüttert zu werden.

Das ging los mit Proviant, allerlei Netze, Kisten, Bier, Eis (Eis zum vereisen der Fische) und noch viele andere Dinge, die man so braucht, wenn man für einige Wochen zum Fischen aufs Meer fährt.

Unsere Verabschiedung, im Haus der Hochseefischer, verlief so wie man sich von einem lieb gewonnenen Freund verabschiedet. Die Freude auf ein Wiedersehen mit all den darin lieb gewonnenen Kellnerinnen, Empfangsdamen,sowie alte Kollegen die keine Seetauglichkeit mehr bekamen ( Gandi und Eisenbieger ).

Die ihr Gnadenbrot im "Haus der Hochseefischer" erhielten, dort auch wohnten und tagsüber im Betrieb arbeiteten, waren allgegenwärtig.

Am nächsten Tag also ging es los, tagsüber wurde noch allerlei an Bord genommen, am Abend dann, kam Zoll und Grenze an Bord. Nach Gesichtskontrolle und Abnahme des Schiffes durch diese Organe, konnte es los gehen.

Der Lotse kam, Leinen los, nun gab es kein zurück mehr, bis zum Fang-Platz war es diesmal nicht weit, es sollte vor Rügen gefischt werden.

Die Schichten waren aufgeteilt, Leuchtturm "Warnemünde" Achter aus. Die eine Schicht ging schlafen, die andere Schicht, brachte die im Hafen angefangene Vorbereitung zum Fischen zu Ende.

Am Fangplatz angekommen, wurden erst einmal die mitgenommenen Sachen wie Post, Material, Ersatzteile, Bier usw. an die in diesem Gebiet fischenden Schiffe übergeben.

So, nun sollte auch uns der Alltag wieder haben, dass heißt aussetzen, hieven, den Fang verarbeiten, in Kisten bringen, Eis drauf, im Laderaum verstauen und Seefest machen, damit nichts umfallen konnte. Irgendwann kam dann ein Transportschiff zB. ein vom Fang ausgemusterter Trawler. Dann ging es in die Bucht von "Arkona" zur Übergabe.

Gerade um diese Bucht geht es in meinem Bericht, es gab schon immer Fluchtversuche. Immer wieder versuchten Menschen, über die Ostsee ins westliche Ausland zu kommen, mal mit- und mal ohne Erfolg, so wie in diesem Fall.

Es war der Abend des 10.September 1979, wir waren wie alle anderen Schiffe auch am Fischen vor "Arkona". Gespräche wurden über UKW geführt und das Wetter wurde zusehends schlechter. Gegen Mitternacht hatte der Wind eine Stärke erreicht, dass sich der Kapitän entschloss, zu hieven und nicht mehr auszusetzen.

Also Slip-Hacken los und Hiev up letzten 50m, Dampfer aufdrehen Scheerbretter vor, weiter geht`s, Rollengeschirr an Deck und weiter hieven . Plötzlich als das Vornetz, zum Vorschein kam, blieb alles stumm und alle schauten wie gebannt auf das Vornetz, es schimmerte ganz bläulich, noch wusste keiner, was das sein konnte.

Doch je näher das Netz zum Schiff kam, konnte man es erkennen, es waren zwei Faltboote zusammen genagelt als Katamaran, nun ging die Hektik los.

Ich glaube, wir alle an Deck dachten das gleiche, wenn wir dieses Boot (Katamaran) beim Aufdrehen um gefahren haben sollten. Wenn das Boot im Vornetz ist, könnten auch Menschen im Netz sein? Oder auch welche in unserer Nähe herum schwimmen?

In unserem Netz befand sich aber nur dieser Katamaran. Die Boote waren voll gestopft mit Kleidung, aber auch mit Schmuck ,Gold und Silber. Dies sollte sicher für einen neuen Anfang im Westen dienen.

So schnell es ging, wurde das Netz eingeholt, die Flotte über diesen Vorfall verständigt, alle in unserer Nähe befindlichen Schiffe beteiligten sich an der Suche nach Überlebenden. Leider muss ich sagen, wurde in dieser Nacht kein Überlebender mehr gefunden. Es stürmte einfach zu heftig, aus eigener Erfahrung wusste ich, was es bedeutet da draußen im Meer zu schwimmen. Mir kam direkt mein Unfall aus dem Jahr 1977 wieder vor die Augen, ich hatte große Angst. Auf einmal war alles wieder da, ich konnte mich nur sehr schwer beruhigen.

Jetzt wurden die Boote ausgeräumt, der Küstenschutz war bereits verständigt,

dies lief ja alles über "Rügen Radio" und man erwartete uns in der Bucht von "Arkona". Auf dem Weg dorthin, sortierten wir die Sachen und listeten alles auf. Dann fanden wir auch noch die Ausweise in einer Tasche, somit bekam dieser Unfall ein Gesicht und einen Namen.

Es waren zwei Familie mit einem Kind, alle gehörten zu einer Familie.

Im Alter zwischen 19 und 30 Jahren, das Kind war 2 Jahre. Es wurden somit 5 Personen vermisst. Da ich diese Papiere und alles andere schriftlich festgehalten habe, erinnere ich mich als wäre es erst gestern gewesen.

Nach dem Eintreffen in der Bucht von "Arkona"gingen wir vor Anker. Dann kam der Küstenschutz mit ihrem Schiff, sie machten dann bei uns fest und was jetzt kam, kann sich eigentlich jeder vorstellen. Protokolle wurden gemacht, der Werdegang des Hievens noch einmal rekonstruiert und vieles mehr. Nachdem alles soweit erledigt war, hieß es wieder Anker auf und wir fuhren wieder zur Flotte. Die Fischerei wurde wieder aufgenommen, aber bei jedem Einholen des Netzes, bekam man so ein beklemmendes Gefühl. Man wurde den Gedanken einfach nicht los, dass hier draußen Menschen ertrunken sind und es auch jeder Zeit sein konnte, dass man beim fischen jemanden von diesen ertrunkenen Menschen im Netz haben konnte.

Ich muss noch einmal hinzufügen, dass alle Anstrengungen und Suchaktionen einfach ins Leere führten.

Es wurden auch Spekulationen laut, aber unter diesen Umständen konnte dieser Fluchtversuch nicht gut ausgegangen sein. Viel zu viel sprach dagegen, wir sollten auch bald Gewissheit bekommen.

Es dauerte auch gar nicht lange, ein paar Tage später, war der Trawler ROS224 "Görlitz" beim Hieven, alle warteten gespannt, was er wohl gefangen hatte.

Eine Weile kam über Funk nichts, dann ein Aufschrei und dann hieß es, als der Steert (Netzende wo sich der Fisch sammelt) aufgemacht wurde, fiel eine weibliche Leiche mit an Deck.

In den nächsten Wochen, wurden auch noch die anderen Vermissten geborgen.

Alle von Fischerei-Fahrzeugen, lediglich eine männliche Leiche wurde an die Küste von Rügen gespült.

Für uns ging das Leben auf See wieder ganz normal weiter. Irgendwann war auch diese Reise einmal zu Ende. Wir fuhren in unseren Heimathafen nach Rostock und erzählten von unseren Erlebnissen, manchmal wurde man belächelt, glaubte man uns das Erlebte vielleicht doch nicht?

Aber für diejenigen die es erlebt haben, wird es immer in Erinnerung bleiben.

Auch dies war für mich ein Erlebnis, während meiner Hochseefischer-Zeit das ich wohl nie vergessen werde.

189 Menschen kamen auf der Flucht über die Ostsee aus der ehemaligen DDR ums Leben. Ihre Boote oder andere Schwimmhilfen kenterten bei Sturm und rauher See und die Menschen ertranken. Andere starben an Unterkühlung oder Erschöpfung .

Die Zahl der in der Ostsee ertrunkenen Menschen liegt vermutlich noch viel höher. Keiner weiß es so genau, denn das Meer kennt keine Zeugen.

Sollte ich noch etwas vergessen haben, es gibt bestimmt Kollegen, die zu dieser Zeit auch auf diesem Fangplatz in der Ostsee waren und sich dazu noch einmal äußern könnten.

Es waren einige Logger, aber auch einige Trawler und natürlich auch Sassnitzer Schiffe am Fangplatz, die sich an der Suche beteiligten, immer in der großen Hoffnung, doch noch Überlebende zu finden.

Jörg Sauer 24.04.2009