|
Einführung in das Buch "Und dann kam der Sturm ..."
|
Lehrzeit
Die Ausbildung zum Hochseefischer betrug
2 Jahre. In dieser Zeit wurde abwechselnd an Land, in der Berufsschule oder dem
Netzboden und auf den Kuttern gearbeitet. Die Lehrlinge, gemustert als
Schiffsjungen, schliefen an Bord, und die Besatzung kam aber erst zum Auslaufen
an Bord. Die Besatzung bestand aus Kutterführer, Maschinist, Matrose und 2-3
Schiffsjungen. Neben den Arbeiten für die Berufsausbildung an Bord, wie An- und
Ablegen, Rudergänger, Ausguck, Fischereigeschirr aussetzen und einholen, Fisch
schlachten und im Laderaum lagern, Netze reparieren und Decksarbeiten
durchführen, waren die Schiffsjungen zusätzlich für die Sauberkeit, das Heizen,
das Kochen und die Abwäsche auf dem Kutter
verantwortlich. Wir Schiffsjungen waren die Ersten bei der Arbeit und die
Letzten bei der Arbeit. Für das Kochen hatte ich kein gutes Händchen und wurde
schon nach kurzer Zeit davon ausgeschlossen. Das heißt nicht, dass ich dadurch
weniger Arbeit und ein besseres Leben an Bord hatte, weit gefehlt. Dafür musste
ich bei Arbeiten der Sauberhaltung mehr ran. Das Kochverbot hatte folgende
Ursache:
Ich bekam morgens den Auftrag,
Erbsensuppe zu kochen. Die Erbsen hatte ich aber am Abend vorher nicht
eingeweicht, weil mir das auch niemand gesagt hatte. Das war mein Verhängnis.
Morgens, vielleicht gegen 08:00 Uhr, setzte ich die harten Erbsen im Wassertopf
auf und sie zum Kochen. Als nächstes schälte ich Kartoffeln. Eine Stunde später
gab ich das Suppenfleisch in die kochenden Erbsen. Zwei Stunden später, gegen
10:00 Uhr, probierte ich die Erbsen, aber sie waren immer noch hart.
Der Kutterführer wollte um 12:00 Uhr das Netz hieven,
und vorher sollte das Essen fertig sein. Um 11:30 Uhr, die Erbsen waren noch
nicht weich, schüttete ich die Kartoffeln
dazu. Als die Kartoffeln weich wurden, quoll die Masse auf und ich rührte und
rührte. Als die Crew nun essen wollte, war aus der Erbsensuppe eine dicke Pampe
geworden. Die Crew hat diese Pampe widerwillig gegessen, der Matrose wurde vom
Kutterführer abgekanzelt, weil er mir zu wenig geholfen hatte und ich mit
sofortiger Wirkung meines Amtes als Koch enthoben. Ich war nicht traurig. Die
Art, dass man sich in der Kutterflotte selbst verpflegen
musste, war eine der wichtigsten Gründe für mich, 1956 zum Fischkombinat
Rostock zu wechseln. Auf jedem Schiff in Rostock war ein Koch gemustert.
Von unserer Lehrklasse ( 28
Lehrlinge) haben 11 Lehrlinge im Laufe der Ausbildung aus unterschiedlichen
Gründen die Seefahrt aufgegeben. Ich glaube, wir waren 4 Klassen mit 100
Lehrlingen, die 1952 in Saßnitz begonnen hatten. Die Arbeit auf dem Kutter war
sehr hart und nicht einfach. Wenn wir z.B. im Winter bei Gotland und Minusgraden
bis -12° C Dorsch fischten, versuchten wir beim Schlachten der eiskalten Fische
unsere Hände im warmen Wasser aufzuwärmen. Das warme Kühlwasser der Maschine fingen
wir mit einer Pütz auf, um nach jedem geschlachtetem Dorsch die Hände kurz
reinzuhalten. Wenn ich nach Hause fuhr, das geschah dreimal im Jahr, war die
Großmutter immer sehr erschrocken, wie schlecht meine Hände aussahen. Sie bedauerte
mich immer sehr.
Das Sprichwort, Lehrjahre sind keine Herrenjahre, war
in dieser Zeit gängige Handhabung in der Ausbildung. An erster Stelle standen
unter anderem Disziplin, Ordnung und Gehorsam. Ich erinnere mich, dass ich bei
Reinigungsarbeiten in der Kombüse beschäftigt war und der abgelöste
Rudergänger, von der Brücke kommend, so nebenbei sagte, das
gerade ein Musikdampfer (Kreuzfahrtschiff) an uns vorbei fährt. Ich ließ den
Handfeger und Schaufel fallen und raste den Niedergang hoch an Deck. Hinter mir
hörte ich noch den Matrosen laut rufen „Mach erst Deine Arbeit zu Ende!!“. Wenn
ich der Anweisung gefolgt wäre, hätte ich solch ein Schiff zur damaligen Zeit
nicht so schnell noch einmal sehen können. Ich kehrte also nicht um. Ein hell
erleuchtetes Kreuzfahrtschiff zog dicht an uns vorbei, und das war für mich ein
einmaliges Erlebnis. Auf solch einem Schiff als Schiffsjunge zu fahren, musste
ein Traum sein. Nach 3 Minuten ging ich zurück in die Kombüse. Als ich dort
ankam, musste ich für mein Verhalten büßen und erhielt zwei Ohrfeigen und den
ausdrücklichen Hinweis, dass Anweisungen einzuhalten sind. Wir bekamen in den 2
Jahren der Berufsausbildung zum Hochseefischer eine fundierte Ausbildung auch
in Fragen der Navigation und Seemannschaft. Wir hatten gute Lehrmeister an Bord
und an der Schule. Mit besonderem Interesse hatte ich alles in mir aufgenommen,
was sie uns zur Schiffsführung lehrten. Sicherlich waren dies nur die ersten
Schritte, aber ich konnte einen Kurs absetzen, konnte in der Seekarte arbeiten
und kannte die Regeln für das Ausweichen der Schiffe untereinander. Im Juli
1954 erhielt ich den Facharbeiterbrief.
Die1. Reise als Matrose wird meine Entwicklung ganz
entscheidend beeinflussen.
Am 01. September 1954 musterte ich als
Matrose auf SAS 181 „Kühlungsborn“ an. Als 2. Matrose kam Wolfgang Malek an
Bord, der mit mir ausgelernt hatte und auch 16 Jahre alt war. Wir hatten auch
einen Maschinenassistenten an Bord, dessen Name ist mir entfallen. Nach dem
Auslaufen in Saßnitz dampfte unser Kutter in Richtung Arkona. Der Kutterführer
steuerte den Fangplatz Kriegers Flak (Fanggrund zwischen Rügen und Südschweden)
an, und die Fischerei begann mit Aussetzen und Hieven, Schlachten und
Verstauen, Wache und Mahlzeiten. Die Fischkisten füllten sich mit Dorsch und
Plattfischen, und ab und zu war auch mal ein Steinbutt dabei, den wir uns
selbst brieten. In Ermanglung an Margarine benutzten wir manchmal zum Braten
das Öl der Dorschleber, auch als Lebertran bekannt. Nach 2 oder 3 Tagen sagte
der Alte morgens zu uns, dass wir kein Trinkwasser mehr hätten und der kürzeste
Weg nicht nach Saßnitz, sondern nach Ystadt wäre. Da
hatte er recht und wir freuten uns, erstmalig nach Schweden zu kommen. Wir
packten das Geschirr zusammen, zogen die Scherbretter rein, klarten das Deck
auf und der Alte ging auf Kurs zu dem südschwedischen Hafen Ystadt.
Wir liefen am späten Vormittag in den kleinen Hafen ein und steuerten die Pier
an.
![]() |
Ich legte vom Vorschiff zwei
Festmacherleinen über den Poller, eine Vorleine und eine Vorspring. Achtern
sicherte der andere Matrose den Kutter mit einer Achterspring und Achterleine.
Der Alte schaut aus dem Ruderhaus und als er sah, dass sein Kutter fest lag,
stellte er den Motor ab.
Die Emigration und der Zoll klarierten
das Schiff ein, nahmen die Musterrolle und die Seefahrtsbücher mit. Damit
verhinderten die Behörden, dass ein Schiff heimlich den Hafen verlässt. Nach
der Einklarierung konnte der Assi mit Wasserbunkern
beginnen. Auch die Wachen waren eingeteilt und der Alte ging an Land. Wir
vermuteten, dass er zum Makler geht. Ich nutzte die Zeit und habe mir das
kleine Hafenstädtchen angesehen. An einem Kiosk gab es Hotdogs und dort habe
ich sowas erstmalig gegessen. Sowohl ein Kiosk, als auch Hotdogs kannte ich
bisher nicht. Woher ich die Kronen zum bezahlen hatte, fällt mir heute nicht
mehr ein. Ystadt und der Kiosk war ein bleibendes
Erlebnis für mich. 42 Jahre später bin ich mit meiner Frau und meinen 3 Enkelinnen
nochmal nach Ystadt gefahren und man wird es nicht
glauben, der Kiosk stand noch am Hafen. Dazu später noch mal-.
Gegen Mittag kommt ein großes
amerikanisches Auto an den Kutter und unser Kapitän Paul Goldhammer und der
Makler steigen aus. An Bord erklärt uns der Kapitän, dass er in Schweden bleibt
und nicht nach Saßnitz zurückkehrt wird. Er habe bei den schwedischen Behörden
auch für uns gesprochen und auch wir könnten in Schweden bleiben, wenn wir das
wollten.
Wir waren zutiefst schockiert und auf
eine derartige Situation nicht vorbereitet.
In der Ausbildung haben wir die
Vorbildwirkung und Verantwortung eines Kapitäns für seine Besatzung gelernt.
Jeder Kapitän ist verantwortlich für Schiff, Ladung und Besatzung und bringt
seine Besatzung heil und gesund wieder nach Hause. Aber auch der seemännische
Brauch stand für derartigen Haltungen.
Ich dachte, man kann doch nicht so
einfach alles stehen und liegen lassen und abhauen. Was dachte sich der Alte
überhaupt. Er lag hier mit seiner Besatzung in einem fremden Hafen, wollte sein
Schiff und die Besatzung verlassen.
Der Alte kam aus seiner Kajüte mit einem
riesigen Seesack. Er hatte wohl seine Ausstieg im
Voraus geplant. Wir sahen ihn nie wieder.
Für uns beiden Matrosen stand nach kurzer Zeit fest, wir fahren mit dem Kutter nach
Hause. Wir gingen am späten Nachmittag zu den Hafenbehörden und erklärten, dass
wir zurück nach Saßnitz wollten und baten um die Herausgabe der Musterrolle und
Seefahrtsbücher. Ohne irgendwelche Gefahren- bzw. Verhaltenshinweise, geben die
schwedischen Behörden zwei 16 jährigen Matrosen die Dokumente und die
Erlaubnis, den schwedischen Hafen mit den Kutter zu verlassen. Auf dem Kutter
ist kein Offizier bzw. Patentträger.
Erst später ist mir die große
Verantwortungslosigkeit und Verletzung von internationalen Gesetzen der
schwedischen Behörden bewusst geworden. Entgegen allen internationalen Regeln,
haben sie die Erlaubnis zum Auslaufen eines Schiffes ohne einen Kapitän oder
nautischen Patentträger gegeben. Sie
haben in Kauf genommen, dass zwei minderjährigen deutschen Matrosen sich
mit einem Kutter in Lebensgefahr begeben können. Nicht zu fassen.
Unsere Entscheidung war aber nur pure
Abenteuerlust. Wir konnten unser erworbenes Wissen in der Ausbildung anwenden
und sahen keine Schwierigkeiten und Gefahren, den Kutter nach Saßnitz zu
bringen. Jetzt sind wir die Kapitäne. Wir diskutierten die Reise nach Saßnitz,
befassten uns mit der Seekarte und hatten die Idee, erst nach Lübeck und dann
nach Saßnitz zu fahren. Wie sollte das gehen? Wir haben, wie man so schön sagt,
gesponnen und die Aufregung nahm zu.
Zwischen uns Beiden hatten wir
vereinbart, Ablegen und Auslaufen Ystadt obliegt
meinen Kollegen, Einlaufen und Anlegen in Saßnitz ist mein Part.
Für die Distanz von Ystadt
bis Saßnitz braucht man mit 9 Knoten Geschwindigkeit je nach
Wetterverhältnissen 7 – 8 Stunden. In der Seekarte zeichneten wir den Kurs nach
Saßnitz. Die Windstärke war 3-4 aus westlicher Richtung, also ideale
Bedingungen. Nachdem wir den Hafen verlassen und das Fahrwasser passiert
hatten, gab der Matrose Voll Voraus. Die Maschine wurde von oben gefahren und
mittels Bowdenzug (Stahldraht) die Drehzahl der Maschine hochgefahren.
Nach etwa 2 Stunden wollten wir sehen,
was der Kutter an Speed hergibt. Der Hebel wurde bis zum Anschlag gedrückt der
Kutter machte ordentlich Fahrt.
Durch nochmaliges Nachdrücken mittels
Schraubenzieher wurde der Draht überdehnt und es knallte. Der Bowdenzug war
gerissen, die Maschine lief im Leerlauf. Da war unsere Wettfahrt zu Ende. Der
Bowdenzug wurde repariert und danach fuhren wir vernünftiger.
Nach ca. 4 Stunden, die Sonne war eben
untergegangen, hatten wir noch kein Land in Sicht. Mit einem Mal sahen wir an
Steuerbord die Leuchtfeuer von Arkona und Stubenkammer (Königsstuhl) relativ
dicht am Horizont aufblitzen. Unser Kutter war viel zu weit östlich vertrifftet. Wir änderten den Kurs in westliche Richtung und
hielten erst mal auf das Leuchtfeuer von Stubenkammer zu. Wieso waren wir
soweit von der Küste weg, obwohl wir ja in der Seekarte den Kurs richtig
eingetragen hatten? Wir hatten auch den rechtweisenden Kartenkurs richtig mit
Missweisung und Deviation umgerechnet in den Kompass Kurs. In unserer Aufregung
hatten wir den Kartenkurs gesteuert und hätten aber den Kompass Kurs steuern
müssen. Nach 22:OO Uhr kamen wir wohlbehalten in Saßnitz an und ich legte den
Kutter am Anleger für Zoll und Grenzpolizei (Emigration) an. Die Tatsache, dass
der Kapitän in Ystadt geblieben war, nahm uns die
Grenzpolizei nicht ab und machte uns Angst.
![]() |
Die Bemerkungen der Grenzpolizisten
„Wir
glauben Euch nicht, dass ihr in Ystadt gewesen seid.
Ihr habt wohl gemeutert und den Kapitän außen Bords
geschmissen. Ihr kommt nicht von Schweden, sondern ihr kommt hinter schwedische
Gardinen.“
jagten uns einen gehörigen Schreck ein.
Wir bereuten schon, nicht nach Lübeck
gefahren zu sein.
Über 4 Stunden wurden wir an der
Grenzbrücke festgehalten und durch Doppelposten mit Maschinenpistolen bewacht.
So hatten wir uns den Empfang für unsere Heldentat nicht vorgestellt.
Nachdem auf diplomatischen Kanälen die
Bestätigung aus Schweden vorlag, dass der Kapitän von SAS 181 in Ystadt um Asyl gebeten hatte, durften wir den Anleger der
Emigration verlassen und den Kutter zur Löschhalle fahren.
Zu dieser Zeit war die Leitung des Fischkombinates
nicht informiert worden, dass SAS 181 ohne Kapitän eingelaufen ist und der
Kutter über 4 Stunden durch die Grenzpolizei festgehalten wurde. Die
Grenzpolizei war Staat im Staate.
Wir haben den Fang an der Löschhalle gewogen
undabgeliefert, das Deck sauber gemacht und den Kutter zum Liegeplatz gefahren.
Danach sind wir zur Hafenverwaltung, die
Tag und Nacht mit einem Dispatcher besetzt war, gegangen und berichteten, was
sich in Ystadt zugetragen hat.
Nach einer Zeit erhielten wir für unsere
Tat 250,00 Mark Prämie. Man wollte uns sofort zur Seefahrtschule schicken, aber
dafür waren wir noch zu jung.
Im Frühjahr 1955 delegierte mich die
Personalabteilung an die Fachschule für Fischwirtschaft in Rostock Marinehe. Das erste Semester war Studium zum Meister der
Hochseefischerei, das zweite Semester war Navigationsstudium mit dem Abschluss
zum Steuermann für kleine Hochseefischerei, Patent B2.
An der Fachschule in Rostock war die Personalabteilung
des Fischkombinates Rostock an mich herangetreten und bot mir an, auf den
Rostocker Loggern und Trawlern zu fahren. Die Rostocker Bedingungen, dass alle
Besatzungsmitglieder beim Einlaufen Geld erhalten und auf jedem Schiff extra
ein Koch gemustert ist, habe ich mit Interesse aufgenommen. Die Saßnitzer Bedingungen
waren selbst kochen und das Geld wurde auf ein Bankkonto überwiesen mit der
Konsequenz, dass ich nach Einlaufen am Freitagnachmittag erst am Montag an Geld
kam.
Also die Bedingungen in Rostock waren wesentlich
angenehmer als die Saßnitzer
Als ich dieses Studium an der Fachschule
abgeschlossen hatte, war ich 18 Jahre. Ich ging zurück nach Saßnitz und wurde
nicht, wie ich erwartet hatte, als Bestmann oder Netzmacher, sondern wieder als
Matrose eingestellt. Ich hatte einen Meisterbrief und ein Zeugnis als
Steuermann (Keine Patent) in der Tasche und wurde weiter als Facharbeiter
behandelt. So hatte ich mir meine Rückkehr nach Saßnitz nicht vorgestellt. Als
Steuermann kann man auf einem Schiff der DDR oder auch weltweit nur gemustert
werden wenn man das erforderliche Patent hat und der Patentinhaber mindestens
21 Jahre alt ist.
Ich sah in Saßnitz keine Perspektive
mehr, kündigte und begann am 01.06.1956 im Fischkombinat Rostock meine
Tätigkeit.
F.d.R.d.A.
Rolf Jürgen Petzold