Reiseerlebnisse- Übersicht

Rudi Liest berichtet über seine Einsatzzeit im Fischkombinat Rostock

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Vorwort

Liebe User,
Habe heute die bereits veröffentlichen Beiträge gelesen und ich fühle mich veranlaßt noch eine weitere nachzureichen.
Dieser Beitrag ist aber einer von den traurigen Ereignissen, die aber auch zur Fischerei dazugehören, weil sie passiert sind, aber die Betroffenen trotzdem postum hoch gewürdigt wurden.
Ich muss auch anmerken, dass ich kein Tagebuch geschrieben habe,aber 2007 ein Buch geschrieben habe und darin auch diese Begebenheit recherchiert habe, sind mir die Fakten noch so bekannt.Ich habe für meine spätere Tätigkeit Staatsrecht und Pädagogik und Psychologie studiert.

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                        2. Episode

       Das Fang- und Verarbeitungsschiff ROS 313 "Willi
       Bredel" wurde im August 1966 in Dienst gestellt.
       1. Kapitän war Ulrich Berndt
          1.Steuermann Hans Engelhardt
          2. Steuermann Eckardt Riediger
          3. Steuermann Heinz Scherbinski
          Leitender Ing War Rudolf von Zweydorff
 
          Meine Person war Lehrling und ich wurde am 16. August 1966 durch Herrn Schuldt ins Musterbüro gerufen und erhielt meinen "Marschbefehl" zur ROS 313 zu meiner ersten Reise mit einem nagelneuen Schiff.
          Alles verlief normal und am Sonnabend, den 20 August um 15. 00 Uhr legte die Willi Bredel in Richtung Nordatlantik ab.

Ein bewegender Moment.

          Ich hatte mich nach bestandenem Abitur in der BBS offiziell in Anwesenheit beider Eltern im Sommer mit meiner Freundin Edith ,die auch im
          Fischkombinat in der BBS im Vorzimmer des Direktors Herrn Franz Bönsch den Beruf einer Sekretärin erlernt hatte und seit 01.09. in der Transportabteilung als Sekretärin arbeitete, verlobt.
          Jetzt sind wir im 43. Jahr verheiratet.


          Die Reise verlief ohne Vorkommnisse bis in den Nordatlantik , wo wir eine Reihe anderer Schiffe unseres Kombinates trafen.
          Kapitän Berdt führte ein strenges Regime und der Fischfang verlief so olala. Zufrieden war niemand, weil andere Einheiten mit ihren
          eingefahrenen Besatzungen mehr Erfolg hatten und unsere nagelneuen Baader-Fischverarbeitungsmaschinen nicht so wie erwartet einschlugen.

An Bord waren 20 Baader-Techniker zusätzlich, so dass die Kammern der Mannschaften auf der Backskiste mit einem Mann zusätzlich zum Schlafen belegt waren.
          Aber bei einem 6/6 Rythmus ging das , man war ja nach der Schicht "Totmüde"
          Wir waren inzwischen schon über 2 Monate auf See und es näherte sich der 29/30 Oktober 1966.
          Gegen 17. OO Uhr gab es einen Hacker und die Fischerrei wurde eingestellt. Ich hatte die 12.-18.00 Uhr Brückenwache und stand am Ruder.

Der "Alte" war auf der Brücke, Der Chief und noch irgendwelche andere Leute und schimpften über Gott und die Welt. Dann stellte sich heraus, das Netz war in der Schraube und es musste ein Taucher zum Einsatz kommen . Das war bei uns Horst Schmidtchen, der Fischmeister aus der Produktion, der diese Ausbildung hatte. Der war auch bereit diese Aufgabe zu lösen.

Ein 2. Mann, der noch Ruhe hatte war der Netzmacher der Schicht, die um 18.00 Uhr aufzog.


          Zu dieser Zeit mussten einige wichtige Absprachen mit dem Taucher abgesprochen werden, da  die Luftversorgung über den heute kaum noch bekannten Weg einer Sauerstoffpumpe, die von 2 Mann im Wechsel mit beiden Armen bedient werden . Dazu standen an Deck mehrere Ablösungspärchen bereit.
          Mir auf der Brücke kamen viele Details zur Kenntnis, die ich dort zwangsläufig mit hören musste.
          Nach meiner Ablösung um 18.00 Uhr stand ich dann auch an Deck, in Höhe der Winsch an Backbord.
          Dann ging das Unternehmen los. Nach ca. 12 Minuten kam von dem Taucher nicht das abgesprochene Zeichen mit dem Notseil. Sofort machte sich der 2. Taucher bereit und stieg hinterher. Es dauerte keine 2 Minuten und der meldete sich wie vereinbart und ließ sich hochziehen und meldete, dass der 1 Taucher leblos in den Seilen hing und wie sich dann herausgestellt hatte , wahrscheinlich hervorgerufen durch nichtzuberechnende Schiffsbewegungen wie auch Wasserbewegungen, war
wohl der Sauerstoffschlauch abgeklemmt worden und der Taucher          
          sofort ohnmächtig geworden. Andere Ursachen sind mir nicht bekannt.

Das Ergebnis der späteren Obduktion ist mir auch nicht bekannt. Bekannt und schockiert waren wir nur durch die unweigerliche Tatsache, dass unser Schiffsarzt den Tod feststellte. Am geschocktesten war der 2. Taucher, der den P. S. dort unten befreite, zumal  die beiden Freunde waren und den Taucherlehrgang zusammen absolviert hatten.       
          Die Stimmung an Bord war am Boden. Ein Z-Trawler übernahm noch in der Nacht den Seemann und fuhr damit nach St. John`s ,wo die Einsargung vorgenommen wurde. Zu diesem Vorgang durfte aus der Freiwache niemand an Deck sein.
          Am nächsten Tag , den 31. 10 wiederholte sich die Übernahme in den Abendstunden und dann ging es auf Heimreise. die so von Niemandem so gewünscht war.
          Dann wurde in Rostock etwas organisiert, was ich so nie wieder gehört und gesehen habe. Am 07.11.1966
          liefen wir gegen o5.00 uhr auf Reede auf. Dort wurde der Sarg aufgebart. mit der Staatsflagge geschmückt.

Aus der Freiwache wurden 3 Trupps zu je 6 Mann in neue Taklerhosen und Pullover eingekleidet . Die wechselten sich als Ehrenwache
          an Deck alle 30 Minuten ab. Aus Richtung Warnemünde kam ein gr0ßes Lotsenboot, darauf war der Zoll und die "Schwarze Gang", mitgeliefert
          wurden Kränze und Fahnen, Tonbandmusik usw.
          Die "Willi Bredel" wurde über den Toppen geflaggt.  Der Zoll und die andere Truppe begann mit ihrer Arbeit. Eine solche Einklarierung habe ich nicht wieder erlebt. Kaum Fragen , keine großen Suchaktionen, alles verlief gedämpft und in großer Stille.

Kapitän und Offiziere trugen Uniform und alle hatten ansehnliche Zivilsachen an, bis auf die Ehrenwachen. 


          Dann lief der Dampfer in den Seekanal. InHöe des Leuchtturmes übernahmen 2 Schlepper den Dampfer, die waren auch über den Toppen geflaggt, entgegenkommende Schiffe ließen das Typfon ertönen.
          Ich erinnere mich, das alle Schiffe , die wir in Warnemünde passierten geflaggt waren.

An der Warnowwerft das gleiche Bild.
          Als wir in Marienehe ankamen, alle Schiffe beflaggt, am Kai standen über 1000 Menschen mit Fahnen.

Die Betriebskapelle spielte gedämpfte Musik.
          Unsere Besatzung stand an der Reeling und der Dampfer wurde durch die Schlepper an die Kaikante gedrückt. Der Aufgang heruntergelassen und dann
  grüßten alle Schhiffe wie auf Kommando mit ihrem Typhon.
        
          Der Kombinatsdirektor und anderePersonlichkeiten  sowie die junge Ehefrau des  Peter Schmidtchens wurden an Bord geführt.
          Dann spielte die Kapelle "La Paloma" und es wurde eine kurze Rede gehalten und die Verdienste des Verunglückten gewürdigt.
          Das war schon beeindruckend und emotional hergerichtet. An Land standen tausend Mitarbeiter und waren bewegt.

Meine Verlobte hatte ich auch entdeckt. Die Freude war gedämpft durch den  traurigen Anlaß.

             Nach der Zeremonie zogen wir "Lords"  und die Fischverarbeiter uns um und bildeten 2 Ketten um das Leergut an die Kaikante zu stellen. Das ganze dauerte 15 Minuten . Als wir ausliefen haben wir 2 Tage zum Einlagern gebraucht.
          Als das erledigt war kam ein Herr mit 2 Koffern an den Händen angeschlossen vorgefahren, wurde mit
          "Hallo" begrüßt und verschwand in der Messe.

Da es noch keine Gehaltskonten gab bekam jeder sein Geld als Abschlag ausbezahlt und seinen Schein für den "Basar".
          Das war eine traurige Episode ,aber eine reale,
          weil so das Leben ist.

Herzliche Güße Rudi