Weihnachten 1967 auf dem Weg zum Fangplatz
Copyright by Rudi Liest
Eine persönliche Episode, die wahrscheinlich
nicht mehr viele wissen.
Am 20.12.1966 lief die ROS 313 "Willi Bredel zu
ihrer 2. Fangfahrt in den Nordatlantik aus.
Kapitän war Ulrich Berndt,
1. Steuermann Hans Engelhardt
2. Steuermann Eckardt Riediger
3.Steuermann Heinz Scherbinski
Meine Person war einer von den 2 Lehrlingen
Die Willi Bredel hatte eine Werftzeit in Wismar hinter sich ,lief
aber nach der obligatorischen Ausrüstung im Fischereihafen in
Marienehe aus. Kurz nach der Einfahrt in den Seekanal gab es ein Problem
und wir mussten zurück, machten in Warnemünde fest, dort
wo heute der neue Passagierkai ist. Wir waren schon froher Hoffnung,
dass wir doch zu Weihnachten zu Hause sind, aber Pech. Wir wurden
nicht mehr klariert, sondern irgend ein Maschinenspezialist kam an
Bord und dann ging es nach 6 Stunden in die vorgesehene Richtung.
Wir waren ca. eine 1/2 Stunde unterwegs, als wir durch ein dafür
berechtigtes Schiff gestoppt wurden. Auf irgendeine Weisung hin mussten
der Bestmann Peter Schönfeld, der Chefkoch (Name nicht mehr bekannt)
und derBootsmann ihre Sachen schnappen und wurden von Bord wegen Klärung
irgendwelcher kaderpolitischen Fragen abgeholt .
Dafür wurden gleich
3 neue Leute übernommen, die diese Funktionen ausüben konnten.
Das sorgte natürlich für genügend Gesprächsstoff.
Keiner wusste, um was es ging.
Die Reise wurde nun planmäßig fortgesetzt.Am 1. Weihnachtstag
wurde das uns beschäftigende Rätsel gelöst. Alle hatten
von der schönen Fernsehsendung "Mit dem
Herzen dadei" von und mit Hans.Georg Ponesky gehört. Nun
waren wir mit unserem Schiff mittendrin
in der Sendung.
Diese wurde am 1. Weihnachtstag aus dem Friedrich - Stadtpalast in
Berlin im 1. Fernsehprogramm der DDR vor Millionen Fernsehzuschauern
übertragen und zur "Willi
Bredel" gab es eine Funkbrücke über Rügenradio
zum Saal in Berlin.
Nun stellte sich heraus, dass diese 3 Hochseefischer seit 10 Jahren
ununterbrochen Weihnachten auf See waren und die Fangleitung unter
Kapitän Egon Müller in Abstimmung mit dem
Kombinat und dem Deutschen Fernsehfunk ,hatten sich als gelungene
Überraschung für die Ehefrauen das ausgedacht, die 3 zeichnen
wir mal aus. Unter einem Vorwand, das
kaderpolitisch etwas nicht in Ordnung sei (das war ein triftiger Grund
damals) wurden die 3 von Bord geholt.
Dann nach Berlin gebracht. Die ahnunglosen Ehefrauen unter fadenscheinigen
Gründen nach Berlin gefahren, ohne zu wissen, was auf sie zukommt.
Die hatten allerdings ein tolles Programm während der 3 Tage
Vorbereitung.
Dann während der
Veranstaltung moderierte Ponesky seine immer treffenden Überraschungen
und siehe da, der Vorhang geht im Saal auf und die 3Hochseefischer
stehen auf der Bühne vor 2000 Leuten im Saal und Millionen an
den Fernsehgeräten.
Die Frauen waren baff, heulten alle um die Wette und nahmen ihre Männer
in die Arme. Anschließend konnten die Familien die Tage noch
bis ins Neue Jahr 1967 gemeinsam zubringen. Mit einem Dampfer, der
dann Anfang Januar in Richtung Nordatlantik auslief kamen die 3 dann
wieder zu uns auf die "Willi Bredel".
Was passierte nun zu dieser Zeit am 1. Weihnachttag auf unserem Dampfer
. Da Ponesky immer Nägel mit Köpfen machte, war natürlich
auf unserem Dampfer ein Vertreter
vom Fernsehfunk, der sich dann in der Mannschaftsmesse zu erkennen
gab und alle die Freiwachengänger erlebten über Rügenradio
die Übertragung der Veranstaltung, die uns betraf orginal mit.
Ponesky rief dann in Berlin in den Saal laut "Berlin grüßt
die "Willi Bredel auf ihrer Fahrt in den Nordatlantik" und
wir in der Messe riefen "die Bredel
grüßt Berlin".
Als Überraschung
für uns an Bord verkündete Ponesky im Saal, dass an Bord
ein Fass Bier versteckt sei und wir an Bord 3 Minuten Zeit hätten
das zu finden. Ich kann zur Ehre der "Lords" sagen , die
Zeit brauchten wir nicht, dann wurde das 100 Liter-Fass in die Messe
gerollt, was in Berlin im Saal mit viel Beifall quittiert wurde. Kapitän
Berndt gab grünes Licht und rucki zucki hatte jeder eine Muck
in der Hand und der Hahn sprudelte das Bier heraus, naja was sind
100 Liter für soviel Leute, aber eine nette Geste.
Mit dem nächsten Dampfer von zu Hause mit den 3 Männern
wurde uns dann auch ein Film mitgeschickt, der mehrfach durch den
Filmvorführer, den Netzwindenfahrer "Hans "
vorgeführt wurde und von den "3 Geehrten "kommentiert
wurde.
Die 3 Ersatzleute stiegen dann mit dem Journalisten vom Fernsehfunk
wieder auf einen Dampfer um, der in Richtung Heimat, Kurs 90°
ging.
Das war meine Episode,die ich miterlebt habe und die ich auch in meinem
persönlichen Buch so verarbeitet habe.
Falls es Anfragen gibt oder Ergänzungen
von anderen
Fahrensleuten, bitte ich um Informationen.
Viel Güße Rudi
email:
Rudi Liest