Kapt. Volker Mitschke erzählt aus seiner frühen Fahrenszeit beim DFK Rostock

 

 

In der Adventszeit fragte mich mein Enkel:

Opa, wie war das eigentlich

"Weihnachten auf See"

Tja, mein Junge, ich kann Dir davon erzählen, einige Weihnachten auf See habe ich ja erlebt. Aber, ich glaube, einiges davon wirst Du mit Erstaunen oder ungläubigem Kopfschütteln begegnen. Ja, ganz einfach deshalb, weil es nicht aus Deiner Zeit ist. Zum Beispiel wirst Du mir nicht so recht glauben, dass wir auf See mitunter sechs Stunden beim Funker warten mussten um mit den daheim Gebliebenen ein paar Worte zu sprechen. Siehst Du, Du zeigst auf Dein Handy, man hätte ja mal eine SMS schicken können....??

Also, wenn wir so gegen Ende Oktober ausliefen, dann wussten wir, Weihnachten wird auf See verbracht. So richtig konnte man da noch gar nicht an Weihnachten denken. Die Schiffsversorgung erinnerte uns ganz schnell daran. Bei der Lieferung des Proviants waren dann auch zwei Tannenbäume zu finden. Die Lagerung des Proviants war klar, ab in die dafür vorgesehenen Lasten. Aber die Bäume, dafür war meist der wenigste Platz. Erst mal auf's Peildeck. Ein Baum kam irgendwann sowieso in den Mast, als Zeichen dafür, Schiff und Besatzung verbringen Weihnachten auf See. Der andere Baum auf dem Peildeck geriet dann regelmäßig irgendwie in Vergessenheit.

Und in der Proviantlieferung waren dann auch einige Kartons mit Kleinigkeiten für den bunten Teller. Und für jeden eine Flasche Wein. Weinkenner meinten, oh, ein trockener Wein. Andere waren mutiger und meinten, das saure Zeug könne man nur für eine Bowle nehmen. Weiter hatte man dem Koch für die Weihnachtsreise einige Edelkonserven mehr als sonst in der Ausrüstung genehmigt. Ja, siehst Du, jetzt kommt Dein fragender Blick, Edelkonserven? Zu damaliger Zeit in der DDR waren Erdbeeren, Mandarinen oder Ananas in Dosen oder Gläsern eben Edelkonserven.

Beim Abschied nehmen sah man seinen Angehörigen oder Freundinnen an was sie dachten. Schon wieder Weihnachten allein! Einige unter uns, die Ledigen z.B. wären viel lieber Silvester zum feiern zu Hause. Aber diejenigen Ehefrauen die mit den Kindern allein zu Haus, na ja......, da konnte man schon mal seinen Beruf verfluchen. Bei dem Gedanken wer denn genau wie der Seemann an solchen Tagen arbeiten muss, na gut, da war man einer unter vielen. Die Krankenschwester, der Zugbegleiter, die Kellnerin, der Soldat, fällt mir gerade spontan ein.

Der Heilige Abend und die Qualität der damit verbundenen kleinen besinnlichen Feierstunde auf See fiel und stand im Großen und Ganzen mit der Kombüsenbesatzung. Diese Männer und Frauen bereiteten diesen Abend ja vor.

Ach Mensch, der Baum, hoch aufs Peildeck, da stand festgezurrt, je nach Auslauftermin, entweder ein Fragment von einem Baum, oder man konnte ihn noch verwenden. Ich selbst habe erlebt, dass man den Baum neben den Schornstein angezunselt hatte. Die Nadeln lagen an Deck, der Baum war leicht bräunlich. Die Matrosen wussten Abhilfe, grüne Farbe und Spritzpistole. Nun kam die nächste, wichtige Frage, wo sind die Kugeln und das Lametta, wer hat beides beim ausrüsten gesehen? Ist überhaupt was an Bord?

Ich erzähle Dir aus den 60 ziger, 70ziger Jahren von den kleinen Schiffseinheiten der Hochseefischerei. Von Schiff zu Schiff, oder Flottenteil zu Flottenteil werden mit Sicherheit Qualitätsunterschiede der Weihnachtsfeiertage zu finden sein.

Am 24., dem Heiligabend, bestimmte der Kapitän, der "Alte", gegen 18.00 Uhr Fischereistop. Der eine oder andere sprang noch mal unter die Dusche, bis sich dann alle in der Messe einfanden. Der Funker hatte ein paar Weihnachtstonbänder, ja, entweder selbst mitgebracht oder von den Landabteilungen geliefert, aufgelegt. Der "bunte" Teller stand auf jedem Platz, der "Alte" versuchte es feierlich zu machen und sprach ein paar passende Worte. Der Funker verteilte die vom ihm eben zu diesem Augenblick zurückbehaltenen Telegramme von den Lieben zu Hause. Die größte Freude konnte sein, wenn ein Schiff von zu Hause kam und vielleicht Post, also Briefe und Weihnachtspäckchen, mitbrachte, welche dann verteilt wurde.

Tja, mein Junge, und dieses war dann der Augenblick wo der raueste Seemann ganz still wurde. Bei vielen habe ich dann doch feuchte Augen gesehen. Ob man wollte oder nicht, man war in Gedanken in der Heimat. Man dachte zurück an Weihnachten zu Haus oder an Weihnachten vom vorigen Jahr, als man bei der Familie war. Wie war es doch gemütlich.

Wenn ich an die fünfziger Jahre denke, Weihnachten war u.a. die Zeit wo die Menschen sich ausruhen und besinnen konnten. Der Sonnabend war ja Arbeitstag, es war schon eine wilde Zeit, zehn Jahre nach dem Krieg. Auf dem bunten Teller lag eine Tafel Schokolade, welch ein Luxus, aufgespart eben für diesen Tag. Aber, die Menschen machten es sich gemütlich. Und diese Gemütlichkeit, diese Besinnlichkeit hatte der eine oder der andere im Hinterkopf wenn er auf See in der Messe saß.

Auf See genehmigte der Alte zum Abendessen noch ein Bier. Nach der besinnlichen Stunde dann die Bowle mit dem hierin verfeinerten "trockenen" Wein. Bowle und Bier hoben die Stimmung und es kam schon vor, dass aus Fischerkehlen ein Weihnachtslied gesungen wurde. Ja, und je nach Fischereilage richtete sich dann die Länge der "Weihnachtsfeier". Waren keine Fische zu fangen, dann wurde schon mal die eiserne Reserve in Form einer Flasche Hochprozentigen in die Messe geholt. Oder der Alte ließ sich erweichen, und, im Transitchap war ja....!

Erlebt habe ich ein Fest bei Windstärke 10. Der Baum bewegte seine Äste, wie ein Adler beim Flug, bis er beim Überholen des Schiffes seinen Geist vorzeitig aufgab und wohlgeschmückt in der Ecke lag.

Besonders lustig habe ich Weihnachten bei Afrika empfunden. Zwar war keine Windstärke 10, dafür saßen wir alle bei 30°C mit kurzen Hosen in der Messe und versuchten uns schwitzender Weise auf Weihnachten einzustimmen, was meistens nicht gelang.

Und, am 1.Feiertag dann der alte Trott. Wir fuhren ja zur See um Fische zu fangen, also aussetzen, hieven - aussetzen, hieven und natürlich zwischendurch die Fische verarbeiten, bis dann Silvester heran war. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ja, mein Junge, ich will nun abschließend nicht unbedingt sagen, dass das heutige Weihnachten auf See viel, viel schöner ist. Jedoch, die rasante Entwicklung der Technik, der Kommunikationsmöglichkeiten, in den letzten 15 bis 20 Jahren bringt doch dem Seemann eine gewisse winzige Erleichterung.

"Ich schicke mal ,ne Mail.", "Habe eine SMS bekommen,", "Meine Frau hat mir gerade eine MMS geschickt" waren für uns, wenn nicht Fremdworte, so aber Utopie.

Frohe und besinnliche Weihnachten, allen Seeleuten und Ihren Angehörigen, ob Daheim oder auf See,.